Welcher Job passt zu mir mit ADHS? Tipps für die richtige Berufswahl
„Was ist der perfekte Job für mein ADHS-Gehirn?“ Wenn diese Frage in meinem Coaching auftaucht, dann weiß ich bereits, dass die meisten meiner Klienten keine klare, eindeutige Antwort erwarten. Was sie sich vielmehr wünschen, ist ein kleines bisschen Klarheit im mentalen Chaos. Das Gefühl, dass es vielleicht doch möglich ist, eine berufliche Entscheidung zu treffen, die nicht zum Scheitern verurteilt ist oder sie komplett überfordert.
Warum sich die Jobwahl mit ADHS so schwer anfühlt
Es gibt mehrere Gründe, warum sich berufliche Entscheidungen oft fast lähmend anfühlen. Zum einen haben viele Menschen mit ADHS nicht nur ein Interesse, sondern extrem viele. Und diese Interessen fühlen sich oft alle gleich wichtig an. Eine Woche lang können wir uns sehr gut vorstellen, in den Lehrerberuf einzusteigen, um dann die Woche darauf komplett umzuschwenken und uns intensiv mit Architektur zu beschäftigen. Das hat nichts mit Verwirrung zu tun, sondern ist einfach nur Neugier und einem großen Wissensdrang geschuldet. Aber es macht uns die Entscheidungsfindung nicht gerade leicht, weil wir das Gefühl haben, durch die Wahl eines Berufs zehn andere Möglichkeiten, die uns ebenfalls enorm attraktiv erscheinen, für immer zu verlieren.
Zum anderen gibt es oft eine Vorgeschichte, in der Dinge für uns nicht so gelaufen sind, wie wir es uns erhofft hatten. Jobs, die zu langweilig wurden. Rollen, die zu chaotisch waren. Umgebungen, in denen wir uns nicht gesehen oder unterstützt gefühlt haben. Mit der Zeit kann daraus eine nagende Angst entstehen: Was, wenn ich wieder die falsche Entscheidung treffe?
Und dann ist da noch etwas, das ich in meiner Coaching-Praxis sehr häufig sehe: Menschen, die eigentlich sehr kompetent sind, aber große Angst haben, als „nicht gut genug“ entlarvt zu werden. Sie verlassen ihre Stellen ohne ersichtlichen Grund; kündigen, obwohl es doch gerade so gut zu laufen scheint. Und stoßen damit ihre Vorgesetzten vor den Kopf. Aber das nehmen sie lieber in Kauf, als dass ihre Umgebung plötzlich herausfindet, dass sie doch nicht die kompetenten, gut organisierten Mitarbeiter sind, als die sie bis jetzt immer wahrgenommen wurden.
Das Problem liegt oft nicht bei uns, sondern bei einem unpassenden Fit
Wenn man genauer hinschaut, liegt das Problem selten an fehlender Kompetenz, sondern viel häufiger passen Person und Job einfach nicht wirklich zusammen. Manche Stellen sind schlichtweg zu langweilig. Wenn ein Job zu wenig Reize bietet, fällt es unserem ADHS-Gehirn schwer, sich zu engagieren. Aufgaben fühlen sich unverhältnismäßig kompliziert an, die Motivation sinkt, Prokrastination nimmt zu. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern damit, wie Aufmerksamkeit und Motivation funktionieren.
Andere Jobs halten für uns auf einer anderen Ebene Herausforderungen parat. Sie sind nicht unbedingt intellektuell anspruchsvoll, aber beinhalten Aufgaben, wie ständiges Organisieren, Priorisieren und Strukturieren ohne viel Abwechslung. Endlose E-Mails, administrative Aufgaben, starre Abläufe können uns sehr schnell erschöpfen und über längere Zeit in einen Burnout treiben.
Und dann ist da noch das Umfeld. Selbst ein für uns eigentlich passender Job kann schwierig werden, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Wenn wir uns nicht gehört, verstanden oder gut aufgehoben fühlen, fällt es uns viel schwerer, unsere Stärken wirklich einzubringen. ADHS existiert nicht im luftleeren Raum, sondern steht immer in Wechselwirkung mit unserer Umgebung.
Ein persönlicher Einblick in berufliche Entscheidungsfindungen
Ich kann den schwierigen Entscheidungsfindungsprozess sehr gut nachvollziehen, denn es hat auch bei mir Jahre gedauert, bis ich wusste, was ich studieren und beruflich machen wollte. Eigentlich kam für mich alles in Frage: Juristin (ich studierte drei Semester lang Rechtswissenschaften, bevor ich das Studium frustriert abbrach), Landschaftsarchitektin (nach mehreren Praktika), Journalistin (ich arbeitete damals für unsere lokale Zeitung), Lehrerin oder Landwirtin mit eigener Obstplantage.
Schließlich entschied ich mich für ein zweites Studium, dieses Mal jedoch der Übersetzungswissenschaften mit den Sprachen Englisch, Dänisch und Japanisch, ging ins Ausland, wechselte zur Komparatistik und wurde letztendlich Professorin für Germanistik in den USA.
Auch mein Mann kann eine ähnlich verrückte Geschichte vorweisen: Auch er hatte an allem Möglichen Spaß und schwankte lange Zeit zwischen einem Musikstudium und Jura, Astrophysik und Bauingenieurwesen. Am Ende machte er seinen Bachelor in Ancient Civilizations und promovierte später in Kommunikationswissenschaften. Somit kennen wir beide das Gefühl nur allzu gut, in viele verschiedene Richtungen gleichzeitig gezogen zu werden und sich lange Zeit nicht entscheiden zu können.
Gibt es „typische“ ADHS-Jobs?
Es gibt durchaus Berufe, die für Menschen mit ADHS gut funktionieren, wie z.B. Sanitäter, Arzt in der Notaufnahme oder Feuerwehrmann. Diese Berufe schließen Dringlichkeit, klare Strukturen und unmittelbares Feedback mit ein, Dinge, die Aufmerksamkeit und Engagement unterstützen.
Auch kreative Berufe, Coaching oder Unterrichten, Selbstständigkeit oder Tätigkeiten mit viel Abwechslung, Bewegung oder sozialer Interaktion können gut passen. Viele Menschen mit ADHS blühen auf, wenn ihre Arbeit
Abwechslung und neue Reize,
das Gefühl, etwas zu bewirken,
dynamische Interaktion oder
sichtbare Ergebnisse
beinhaltet. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.
Es gibt keine allgemein gültige Lösung
Und hier wird es wichtig: Es gibt nicht den einen perfekten Weg. Nicht jeder Mensch mit ADHS sucht ständig nach Action, Abwechslung oder Kreativität. Für einige von uns sind klare Strukturen genau das, was uns Sicherheit gibt. Wir fühlen uns mit klaren Abläufen und vorhersehbaren Routinen wohl.
Für andere kann genau diese Struktur einengend wirken. Sie brauchen mehr Autonomie und Flexibilität und arbeiten am besten, wenn sie ihrem eigenen Zeitplan folgen können statt sich nach starren Vorgaben richten zu müssen.
Manche Menschen mit ADHS blühen in der Selbstständigkeit auf und genießen die Freiheit. Andere empfinden genau diese fehlende äußere Struktur als überwältigend und profitieren von klar definierten Erwartungen, Rollen und Rahmenbedingungen.
Diese Unterschiede zu verstehen ist entscheidend für die Berufswahl. Denn den richtigen Job zu finden bedeutet nicht, in ein vorgegebenes Schema zu passen, sondern vielmehr herauszufinden, unter welchen Bedingungen unser Gehirn am besten funktioniert.
Was hilft also wirklich bei der Jobwahl?
Statt uns zu fragen: „Was ist der perfekte Job?“, ist es oft hilfreicher, die Frage zu verändern: „Unter welchen Bedingungen funktioniert mein Gehirn gut?“ Diese kleine Verschiebung macht einen großen Unterschied. Sie nimmt Druck raus und öffnet Raum für Neugier.
Wir können zum Beispiel anfangen, uns Fragen zu stellen wie:
Brauchen wir Abwechslung oder tut uns Routine gut?
Wie viel Struktur hilft uns, und wann wird sie zu viel?
Arbeiten wir lieber alleine oder mit anderen?
In welchen Umgebungen fühlen wir uns schnell erschöpft, und wann sind wir fokussiert und engagiert?
Statt nach der einen perfekten Antwort zu suchen, lohnt es sich viel mehr, nach Mustern zu schauen. Unsere bisherigen Erfahrungen — auch die, die sich wie Misserfolge angefühlt haben — sind unglaublich wertvoll.
Wir können uns fragen:
Was hat in dieser Situation funktioniert?
Was nicht?
Was würde ich beibehalten und was verändern?
Mit der Zeit entstehen daraus Muster, die uns viel verlässlichere Orientierung geben als jede einzelne Entscheidung.
Weiterhin kann es hilfreich sein, in Experimenten zu denken statt in endgültigen Entscheidungen. Eine der größten Fallen ist die Vorstellung, jede Entscheidung müsse „die richtige“ sein. Aber Karrieren verlaufen selten linear, besonders nicht bei neurodivergenten Menschen. Wir dürfen ausprobieren, Bedingungen an unsere Bedürfnisse anpassen und den Kurs auch komplett verändern.
Und schließlich: Der richtige Job besteht nie nur aus der Tätigkeit selbst. Es geht immer auch um das Umfeld, die Menschen, mit denen wir arbeitesn, den Grad an Flexibilität und die Erwartungen, die an uns gestellt werden. Ein „guter“ Job im falschen Umfeld kann sich nahezu unmöglich anfühlen. Ein „unperfekter“ Job im richtigen Umfeld hingegen kann überraschend gut funktionieren.
Fazit
Es gibt nicht DEN perfekten Job für unser ADHS-Gehirn. Aber es gibt Arbeitsbedingungen, Strukturen und Arbeitsweisen, die es deutlich leichter machen, zu funktionieren, sich einzubringen und sogar aufzublühen. Das Ziel ist nicht, die perfekte Antwort auf die Berufsfrage zu finden, sondern uns selbst immer besser kennenzulernen, damit wir mit der Zeit immer bessere Entscheidungen treffen und nachjustieren können, wenn etwas nicht passt. Und im Zuge dessen auch unsere vielen verschiedenen Interessen nicht länger als ein Problem ansehen, sondern als eine große Bereicherung für ein Leben mit viel Abwechslung und immer neuen Karrieremöglichkeiten.
Wenn du Unterstützung bei deinen ADHS-Symptomen brauchst, melde dich jederzeit, und wir sprechen miteinander!
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