Warum Menschen mit ADHS Kritik im Job stärker erleben: Rejection Sensitive Dysphoria erklärt
In meiner Coachingarbeit mit Erwachsenen mit ADHS taucht ein Thema immer wieder auf – manchmal wird es von meinen Klienten offen angesprochen, manchmal verbirgt es sich aber auch hinter Professionalität und dem vermeintlich unerschütterlichen Selbstbewusstsein meiner Klienten. Die Rede ist von Rejection Sensitive Dysphoria (RSD), die sich nicht selten in einer ausgeprägten Sensibilität meiner Klienten gegenüber Kritik, Zurückweisung oder dem Gefühl, andere enttäuscht zu haben, äußert. Und gerade im Arbeitskontext kann diese Sensibilität besonders schmerzhaft sein.
Viele von uns haben im Job nicht unbedingt Schwierigkeiten, weil wir unmotiviert, unzuverlässig oder wenig belastbar wären. Ganz im Gegenteil: Wir haben Schwierigkeiten, weil wir uns zu sehr emotional engagieren. Eine kurze Bemerkung in einem Meeting, eine kritisch klingende E-Mail, ein bestimmter Tonfall unseres Chefs oder ein Feedback, das unklar bleibt, können ausreichen, um unser Nervensystem in Alarmbereitschaft zu versetzen. Was für andere einfach eine sachliche Rückmeldung ist, fühlt sich für uns schnell wie ein innerer Zusammenbruch an.
Rejection Sensitive Dysphoria hat zwar (noch) keine offizielle Diagnose, beschreibt jedoch eine sehr reale Erfahrung, die viele Menschen mit ADHS sofort wieder erkennen, da sie ihr Berufsleben (und nicht selten auch ihr Privatleben) oft schon seit Jahren prägt.
Wenn Kritik am Arbeitsplatz körperlich weh tut
Eine Klientin beschrieb mir vor ein paar Wochen ganz ausführlich, dass sich Kritik im Job für sie wie ein Dolchstoß in den Magen anfühle. Obwohl sie sich durchaus als klug, gewissenhaft und hoch motiviert beschreiben würde, brauche sie für viele Aufgaben zwei- bis dreimal so lange wie ihre Kolleginnen. Nicht, weil die Arbeit es erfordere, sondern weil ihre Angst, einen Fehler zu machen oder jemanden zu enttäuschen, einfach unglaublich groß sei. Sie überprüfe alles mehrfach, feile an Details, perfektioniere, ohne den Absprung zu finden und die Aufgabe beenden zu können.
Und wenn sie dann Feedback bekomme, könne sie es nicht einfach als „Information“ abspeichern. Denn wenn es nur einen minimalen Kritikpunkt enthalte, fühle es sich für sie wie ein Beweis für ihre Unfähigkeit im Job an. Sobald sie Kritik erhalte, könne sie nicht mehr einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern müsse immer wieder über die Situation nachdenken. Was genau war ihre Antwort auf das erhaltene Feedback? Hätte sie besser anders antworten sollen? Und was habe die andere Person eigentlich „wirklich“ gemeint? Das schlechte – oder manchmal sogar panische - Gefühl bleibe manchmal über Tage bestehen, bis ihr dann der nächste vermeintlich fürchterliche Fehler passiere, der die alten Grübeleien ablöse. Somit löse sich Kritik für sie niemals in Wohlgefallen auf, sondern verbleibe permanent in ihrem Körper und verursache viel Stress, Frustration und in schlimmen Zeiten sogar eine depressive Verstimmung.
Was ist Rejection Sensitive Dysphoria?
Rejection Sensitive Dysphoria beschreibt eine extrem intensive emotionale Reaktion auf tatsächliche oder vermeintliche Zurückweisung, Kritik oder Misserfolg. Das Belastende für die betroffenen Personen daran ist nicht nur die Intensität ihrer Emotionen, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Gefühle aufdrängen. Denn die Reaktion setzt oft dann schon ein, bevor wir überhaupt darüber nachdenken können.
Innerhalb von Sekunden reagiert unser Nervensystem, als wäre eine ernstzunehmende Bedrohung aufgetreten. Viele von uns erleben diese Reaktion als körperlichen Schmerz: Wir fühlen beispielsweise eine Enge in der Brust, ein Absacken im Magen, Hitze, Schwindel oder den starken Impuls, die Situation sofort zu verlassen. Häufig kommen auch noch Scham, Selbstabwertung, emotionaler Rückzug oder nach innen gerichtete Wut hinzu. Die meisten von uns wissen rational, dass diese Reaktion „zu stark“ ist, aber dieses Wissen hilft uns im eigentlichen Moment kaum weiter. Da wir unsere Gefühle nicht im Griff haben, fühlen wir uns oft hilflos diesen ausgesetzt und verstehen nicht, warum wir regelmäßig so extrem reagieren müssen.
Was sagt die Forschung zu RSD?
Wie schon weiter oben erwähnt, ist RSD in den offiziellen Klassifikationswerken wie dem DSM-5 oder der ICD-11 nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt. Dennoch lässt sich das Phänomen gut in das einordnen, was die Forschung zunehmend als ein Kernmerkmal von ADHS anerkennt: die emotionale Dysregulation. ADHS wird heute nicht mehr nur als Aufmerksamkeits- oder Impulsstörung verstanden, sondern auch als eine erhöhte emotionale Reaktivität, Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und eine hohe Stresssensibilität gehören für viele Betroffene ebenfalls als Kernsymptome dazu.
Hinzu kommt, laut Forschung, die sogenannte Zurückweisungssensitivität – die Tendenz, Ablehnung ängstlich vorauszusehen, sie sofort wahrzunehmen und stark darauf zu reagieren. Dieses Konzept stammt ursprünglich aus der Bindungsforschung, doch Studien zeigen, dass Menschen mit ADHS hier besonders vulnerabel sind. Wahrscheinlich entsteht diese Anfälligkeit aus dem Zusammenspiel von neurobiologischen Faktoren und unseren Lebenserfahrungen.
Warum sind Menschen mit ADHS besonders anfällig?
Auf neurobiologischer Ebene geht ADHS mit Besonderheiten in der Regulation von Dopamin und Noradrenalin einher. Diese Neurotransmitter beeinflussen nicht nur Aufmerksamkeit und Motivation, sondern auch unsere emotionale Stabilität und Stressverarbeitung. Kritik oder vermeintliche Ablehnung können sich daher wie ein plötzlicher Verlust von Sicherheit oder Zugehörigkeit anfühlen. Das Gehirn interpretiert Feedback nicht als sachliche Information, sondern als Gefahr.
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die biografische Ebene. Viele Menschen mit ADHS erleben schon früh viel Kritik oder negative Rückmeldungen – und zwar lange bevor sie verstehen, dass ihr Gehirn anders funktioniert. Aussagen wie „Du bist zu sensibel“, „Streng dich doch einfach mehr an“ oder „Schon wieder ein Fehler“ hinterlassen Spuren. Mit der Zeit kann sich daraus eine tiefe innere Überzeugung entwickeln: Mit mir stimmt etwas nicht. Daher aktivieren ein Arbeitsumfeld mit regelmäßigen Bewertungen, Hierarchien und unausgesprochenen Erwartungen diese Überzeugung oft besonders stark, manchmal schon durch kleine Auslöser.
Wie zeigt sich RSD im Arbeitsalltag?
Im Berufsleben kann RSD sehr unterschiedliche Formen annehmen. Manche von uns vermeiden Feedback oder Sichtbarkeit, beteiligen sich kaum an Meetings oder stellen keine Fragen aus Angst, negativ aufzufallen. Andere kompensieren mit Überanpassung, Perfektionismus oder exzessivem Arbeiten. Wieder andere ziehen sich nach Kritik innerlich zurück, verlieren emotional die Bindung an ihre Arbeit oder denken nach einer einzigen schwierigen Situation ernsthaft über einen Jobwechsel nach.
Besonders schwierig ist, dass im Arbeitskontext von uns erwartet wird, „professionell“ zu reagieren. Gefühle sollen kontrolliert, Kritik sachlich aufgenommen und schnell verarbeitet werden. Dass Feedback für neurodivergente Nervensysteme deutlich bedrohlicher wirkt als für andere, hat hier kaum Platz. Und so bleibt unser innerer Kampf oft unsichtbar oder wird mit Unverständnis schnell vom Tisch gewischt.
Was hilft im Umgang mit RSD am Arbeitsplatz?
Der wichtigste erste Schritt ist Verstehen. Zu erkennen, dass RSD ein bekanntes Muster im Zusammenhang mit ADHS und Nervensystemsensibilität ist und kein persönliches Versagen, kann enorm entlastend für uns sein. Unser Erleben bekommt einen Kontext und verliert seinen moralischen Beigeschmack.
Hilfreich ist auch, die frühen Anzeichen einer RSD-Reaktion wahrzunehmen. Oft meldet sich unser Körper, bevor der Gedankenstrom einsetzt: plötzliche Anspannung, ein vertrauter Druck, der Impuls, sich zu verteidigen oder zurückzuziehen. Wenn wir diese Signale frühzeitig bemerken, können wir uns einen kleinen inneren Abstand zu unseren eigenen Reaktionen schaffen. Und manchmal reicht genau dieser Abstand, damit wir nicht sofort in unsere alten Denkmuster hineinrutschen.
Da RSD stark körperlich verankert ist, greifen rein kognitive Strategien häufig zu kurz. Wenn unser Nervensystem im Alarmmodus ist, hat Logik nur begrenzten Zugang. Ruhiges Atmen, sanfte Bewegungen oder sensorische Regulation können uns helfen, die physiologische Stressreaktion abzumildern. Erst wenn sich unser Körper etwas sicherer fühlt, können wir reflektieren und unsere automatisierten Stressreaktionen überdenken.
Langfristig ist es darüberhinaus wichtig, unseren Selbstwert weniger stark an Leistung und Zustimmung zu knüpfen. Viele von uns mit ADHS haben, oft unbewusst, gelernt, ihren Wert über Produktivität, Anerkennung oder Harmonie zu definieren. Wird unser inneres Fundament stabiler, verlieren langsam Kritik und negatives Feedback ihren existenziellen Charakter.
Welche Therapie oder Medikation können helfen?
Therapie und Coaching können diesen Prozess gut begleiten, insbesondere wenn sie Emotionsregulation, Selbstmitgefühl und Beziehungsmuster in den Fokus nehmen. Manche meiner Klienten berichten auch, dass ADHS-Medikation ihre emotionale Reaktivität reduziert und RSD-Reaktionen abschwächt. Was uns hilft, ist leider individuell sehr verschieden und braucht oft fachmännische Beratung, um auf den besonderen Fall zugeschnitten zu werden.
Ein abschließender Gedanke
Rejection Sensitive Dysphoria sollte als kein Randthema bei ADHS betrachtet werden. Für viele von uns ist es einer der schmerzhaftesten und einengendsten Aspekte des Berufslebens. RSD hat einen Einfluss darauf, wie wir arbeiten, wie wir Beziehungen gestalten und wie wir uns selbst sehen.
Jedoch sind Veränderungen durchaus möglich. Nicht durch Abhärtung oder emotionale Selbstverleugnung, sondern durch Verständnis und die Bereitschaft, unser sensibles Nervensystem so anzunehmen, wie es ist.
Wenn wir emotionale Intensität nicht länger als Schwäche betrachten, sondern als Teil einer neurodivergenten Realität, verändert sich etwas. Es entsteht mehr Selbstmitgefühl, mehr Handlungsspielraum und die Möglichkeit für ein Arbeitsleben, das sowohl Leistung als auch unsere intensiven Gefühle miteinschließt.
Wenn du Unterstützung bei deinen ADHS-Symptomen brauchst, melde dich jederzeit, und wir sprechen miteinander!
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