Leseschwierigkeiten bei ADHS verstehen: Warum Lesen anstrengend ist und was helfen kann

Ich erinnere mich, wie ich neben einer meiner Klientinnen saß, einem aufgeweckten, jungen Mädchen, während sie auf einen englischen Text starrte. Ihr Textmarker hatte ganze Arbeit geleistet. Fast jeder zweite Satz war sorgfältig in leuchtendem Gelb markiert. Am Rand gab es jede Menge Notizen. Pfeile. Ausrufezeichen. Meine Klientin hatte alle Anweisungen befolgt, die man ihr gegeben hatte. Und doch sah sie mich völlig verzweifelt an, als ich sie fragte, worum es in ihrem Text eigentlich ginge, und sagte leise: „Ich weiß es nicht. Ich habe ihn gelesen. Aber es ist nichts hängen geblieben.“

Ich erlebe das immer wieder. Mit Jugendlichen. Mit Studierenden. Mit Erwachsenen. Und auch zu Hause, mit meinem eigenen Sohn. Er liest einen Satz, schaut dann mit müden Augen zu mir auf und sagt: „Ich habe vergessen, was da steht.“ Und das passiert nicht, weil er nicht intelligent ist oder sich nicht bemüht, sondern weil ADHS-Gehirne Texte oft auf eine andere Weise verarbeiten.

Lesen ist mehr als nur Worte entziffern

Eines Nachmittags las mein Sohn einen kurzen Absatz für die Schule. Der Text war eigentlich nicht besonders schwierig. Doch mitten im Satz hörte er auf. Ich fragte ihn, was gerade in der Geschichte passiert war. Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, sagte er. „Die Bedeutung der Wörter ist einfach … verschwunden.“

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viel Anstrengung allein schon das Entziffern der Wörter bedurfte. Seine Augen hatten zwar die Wörter erfasst, aber sein Arbeitsgedächtnis konnte die Bedeutung nicht lange genug festhalten, um sie mit dem Gelesenen zu verbinden.

Für viele Menschen mit ADHS – und besonders für diejenigen mit einer Lese-Rechtschreibschwäche – ist Lesen kein fließender, automatischer Prozess. Es ist eine fragile Kette aus Aufmerksamkeit, Entziffern, Gedächtnis und Interpretation. Wenn ein Glied dieser Kette schwächer wird, geht die Bedeutung verloren. Es ist, als würde man Wasser in den Händen tragen. Man hält es fest und doch rinnt es immer wieder durch die Finger, bevor man sein Ziel erreicht.

Markieren allein reicht oft nicht aus

Viele meiner Klienten kommen mit wunderschön markierten Texten zu mir. Auf den ersten Blick sieht das nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt aus. Jedoch wenn wir über diesen zu sprechen versuchen, wird oft deutlich, dass das Markieren allein noch nicht zu wirklichem Verständnis führt.

Eine Klientin sagte einmal zu mir: „Ich markiere, weil ich Angst habe, etwas Wichtiges zu verpassen. Aber am Ende sieht alles wichtig aus. Was soll ich also machen?“ Wir überlegten gemeinsam und kamen dann zu folgendem Ergebnis: Statt sofort zu markieren, bat ich sie, zunächst einmal nur zwei Sätze zu lesen und mir dann mit eigenen Worten zu sagen, was sie gerade verstanden hatte.

Am Anfang zögerte sie. Es kam ihr irgendwie komisch vor, ihren Lesefluss ständig zu unterbrechen und den Inhalt des Gelesenen wiederzugeben. Doch langsam begann sie, den Text anders wahrzunehmen und sich auf eine intensivere Art und Weise mit ihm auseinanderzusetzen. Sie trat in eine Beziehung mit ihm. Lesen war nun nicht mehr länger ein reines Aneinanderreihen von Buchstaben, sondern eine aktive Beschäftigung mit der dahinter liegenden Bedeutung.

 

Lesen als Gespräch

Ich sehe persönlich Lesen nicht primär als eine Leistung, die man möglichst schnell zu erbringen hat, sondern als eine Art Gespräch, in dem wir uns intensiv mit dem Geschriebenen auseinandersetzen und in einen Dialog mit dem Verfasser treten.

Ich erinnere mich, wie ich eines Abends mit meinem Sohn eine kurze Geschichte las. Nach zwei Sätzen fragte ich ihn: „Was ist gerade passiert?“ Er schaute mich überrascht an. Lesen hatte für ihn immer bedeutet, fertig zu werden, nicht, zwischendurch innezuhalten und über den Inhalt nachzudenken. Er überlegte kurz. Dann antwortete er. Die Antwort war nicht perfekt, aber sie spiegelte klar und deutlich sein Verständnis des bereits Gelesenen wider. Er dachte mit dem Text statt nur über ihn hinwegzugehen.

Als er begann, seine Gedanken laut auszusprechen, veränderte sich etwas. Sein Verständnis wurde stabiler. Sein Gehirn bekam mehr Zeit, hinterherzukommen und sich mit der Bedeutung der Wörter auseinanderzusetzen.

In kleinen Einheiten lesen

Eine der größten Veränderungen kam, als mein Sohn und ich aufhörten, ganze Seiten auf einmal lesen zu wollen. Stattdessen lasen wir zwei oder drei Sätze. Dann machten wir eine Pause.

Am Anfang fühlte sich das sehr langsam an. Doch etwas Unerwartetes geschah. Mein Sohn verlor den Faden nicht mehr. Er musste nicht mehr ganze Abschnitte erneut lesen. Sein Gehirn war nicht mehr überfordert. Es hatte nun genug Zeit, Bedeutung aufzunehmen und den Inhalt adäquat zu verarbeiten. Was oberflächlich langsamer aussah, war in Wirklichkeit effizienter und führte uns schneller zum Ziel als es vorher der Fall gewesen war.

Den Finger, Stift oder ein Lineal als Anker benutzen

Bei einem jungen Klienten von mir fiel mir eines Tages auf, dass seine Augen beim Lesen über die Seite sprangen, nach vorne hasteten und dabei immer wieder die Zeile verloren. Also schlug ich etwas ganz Einfaches vor. „Benutz deinen Finger“, sagte ich.

Zuerst wehrte er sich. Es fühlte sich zu simpel und kindisch an. Das konnte ich gut verstehen. „Wie wäre es mit einem Stift oder Lineal?“ fragte ich ihn. Das konnte er besser annehmen. Und als er mit einem Stift die Wörter auf dem Papier verfolgte, wurde sein Lesen ruhiger. Seine Augen wanderten weniger. Seine Aufmerksamkeit verankerte sich an der Bewegung. Manchmal sind die wirkungsvollsten Hilfen auch die unscheinbarsten.

Ein inneres Bild entstehen lassen

Eines Abends las ich mit meinem Sohn eine Szene über einen Jungen, der durch einen Wald ging. Ich fragte ihn: „Wie sieht der Wald aus?“ Er überlegte kurz. „Dunkel“, sagte er. „Und still.“ „Kannst du ihn sehen?“ fragte ich. Er nickte. Bilder können das Lesen erleichtern. Das ADHS-Gehirn versteht oft Bilder schneller als abstrakte Symbole. Wenn aus Text ein innerer Film wird, hat das Gehirn etwas Greifbares, an dem es sich festhalten kann.

Gedanken nach außen holen

Ich habe regelmäßig Schüler und Studenten, die Schwierigkeiten haben, Verständnisfragen zu beantworten. Nicht, weil sie den Text nicht versehen würden, sondern weil es sich unmöglich anfühlt, ihre Gedanken im Kopf zu ordnen. Eine Strategie, die ihnen oft hilft, ist nach jedem Absatz einen einfachen Satz zu schreiben: „In diesem Absatz geht es um …“

Am Anfang sind diese Sätze häufig noch unvollständig und holprig. Aber im Laufe des Textes werden sie besser und geben der Aufgabe Struktur. Später, wenn Fragen beantwortet werden müssen, liegen die Antworten bereits in kleinen Fragmenten vor und müssen nur noch zusammengesetzt werden. Das bedeutet, dass wir das Textverständnis in kleinere Schritte herunterbrechen; es muss nicht mehr alles auf einmal geschehen, sondern es liegt bereits ein gewisses Verständnis vor, auf das aufgebaut werden kann. Das reduziert den Druck und hilft sowohl Aufmerksamkeit als auch Motivation aufrecht zu erhalten.

Sich vor dem Lesen einen Überblick schaffen

Ein Klient sagte einmal zu mir, Lesen fühle sich an, als würde man mitten in einer fremden Stadt ohne Straßenkarte ausgesetzt. Somit begannen wir, Texte zunächst nach bestimmten Orientierungspunkten zu überprüfen. Wir schauten uns die Überschriften an, falls vorhanden die Bilder oder Fotos, den Aufbau der Seite, die Länge der einzelnen Abschnitte. Und ganz langsam fühlte sich der Text nicht mehr wie unbekanntes Terrain an. Es gab jene Orientierungspunkte, die einer Straßenkarte ähnelten. Das Gehirn konnte sich ausrichten, bevor die eigentliche Reise begann.

Bewegung zulassen

Noch etwas fiel mir auf. Wenn mein Sohn vollkommen still auf dem Stuhl saß, fiel ihm das Lesen besonders schwer. Wenn er jedoch stand, sein Gewicht verlagerte oder sich ein wenig bewegte, verbesserte sich seine Aufmerksamkeit. Bewegung stört unser Denken nicht. Im Gegenteil, sie unterstützt es. Das ADHS-Nervensystem reguliert sich oft über Bewegung. Absolute Bewegungslosigkeit ist nicht immer die beste Voraussetzung, um zu lernen. Manchmal denkt das Gehirn klarer, wenn sich der Körper bewegen darf.

Selbstvertrauen aufbauen

Mit der Zeit beobachtete ich, wie sich etwas veränderte. Lesen war sowohl für meine Klienten als auch für meinen Sohn noch immer anstrengend, aber nicht mehr so frustrierend wie bisher. Beide begannen, sich selbst mehr zuzutrauen. Meine Klienten schrieben ausführlichere Antworten. Sie gingen nicht mehr automatisch davon aus, dass ihre Schwierigkeiten auf ihre kognitive Unfähigkeit zurückzuführen sei. Denn das Problem ist so gut wie nie mangelnde Intelligenz, sondern die Diskrepanz zwischen der Art, wie uns Lesen beigebracht wird, und der Art, wie unsere Gehirne Informationen verarbeiten.

Wenn wir aufhören, neurodivergente Gehirne in neurotypische Lesestrategien zu zwingen und stattdessen klare Strukturen, einen Dialog mit dem Text und emotionale Hilfen anbieten, wächst unser Verständnis. Und mit dem Verständnis kommt noch etwas viel Wichtigeres zurück, nämlich unser Selbstvertrauen, das wir nicht selten verloren glaubten!

Wenn du Unterstützung bei deinen ADHS-Symptomen brauchst, melde dich jederzeit, und wir sprechen miteinander!

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