Lügen als Signal, nicht als Fehlverhalten: Was tun, wenn unser neurodivergentes Kind die Unwahrheit sagt
Es gibt eine bestimmte Art von Stille in unserem Haus, die mich unruhig macht. Nicht die friedliche Stille. Nicht die, die auf tiefe Konzentration oder versunkenes Spielen hindeutet. Sondern die Art von Stille, die sich irgendwie verdächtig anfühlt.
Bildschirme hatten schon immer eine starke Anziehungskraft auf meinen Sohn. Videospiele, YouTube, alles, was mit schnellen Bewegungen und viel Abwechslung zu tun hat. Und ich verstehe genau, warum das bei ihm so ist. Sein Gehirn verlangt nach intensiver Stimulation, die der Alltag oft nicht für ihn bereithält. Bildschirme wirken daher Wunder gegen seine ständige Langeweile und geben ihm den Dopamin-Kick, den er im normalen Leben so schwer findet.
Obwohl ich meinen Sohn da sehr gut verstehe, tue ich doch mein Bestes, seinen Bildschirmkonsum einzuschränken. Bei uns zu Hause gibt es eine Reihe von Regeln, klare Grenzen, feste Routinen. Aber mein Sohn ist kreativ und erfinderisch und kennt viele Schlupflöcher, um doch an ein elektronisches Gerät zu kommen, sobald meine Aufmerksamkeit auch nur ein klein wenig nachlässt.
Und so weiß ich schon genau, wenn diese verdächtige Stille eintritt, was sich im Zimmer meines Sohnes abspielt. Aber ich frage trotzdem: „Hast du Roblox gespielt?“ und bekomme ohne Umschweife die zu erwartende Antwort: „Nein, habe ich nicht.“ Auch wenn er weiß, dass ich weiß, dass er nicht die Wahrheit sagt.
Was mich zunächst am meisten beunruhigte
Zunächst beunruhigte mich diese Unehrlichkeit ungemein. Die Leichtigkeit, mit der mein Sohn mir einfach ins Gesicht log. Ich machte mir Sorgen, was das wohl zu bedeuten hatte. War es ein Problem seines Charakters? Hatte ich versäumt, ihm etwas Wesentliches beizubringen?
Es brauchte Zeit und viel Reflexion, bis ich verstand, was eigentlich wirklich los war. Mein Sohn log nicht, weil er manipulativ oder unmoralisch war. Er log, weil er einfach überfordert war.
Für Kinder, besonders für neurodivergente Kinder, kann sich der Verlust von Kontrolle zutiefst bedrohlich anfühlen. Sie leben in einer Welt, in der sie ständig ermahnt, ständig aufgefordert werden, Dinge zu tun, die ihnen schwerer fallen als anderen. Wenn sie eine Regel verletzen, auch wenn dies unbeabsichtigt passiert, kann die Angst vor möglichen negativen Folgen sich emotional enorm bedrückend anfühlen. Die Lüge stellt somit einen Ausweg dar, die Konsequenzen zu vermeiden. Eine Möglichkeit, sich wieder sicher zu fühlen.
Unter der Lüge liegt somit keine Trotzreaktion, sondern Verletzlichkeit. Unsere Kinder denken nicht: „Wie kann ich meine Eltern täuschen?“ sondern vielmehr: „Wie kann ich dieses schreckliche Gefühl von Scham oder Versagen vermeiden?“
Ehrlichkeit sicher machen
Als ich das verstanden hatte, begann sich meine Reaktion zu verändern. Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem ich wusste, dass mein Sohn mal wieder ungefragt unser Tablet benutzt hatte, obwohl er bereits seine Spielzeit hinter sich hatte. Ich spürte, wie die vertraute Welle der Frustration in mir aufstieg. Mein erster Impuls war, ihn zur Rede zu stellen, die Wahrheit einzufordern.
Stattdessen atmete ich tief durch und sagte: „Du bekommst keinen Ärger. Ich möchte nur verstehen, was passiert ist.“ Ich konnte die Veränderung sofort deutlich sehen. Seine Schultern entspannten sich. Sein Blick wurde weicher. Und nach einer kurzen Pause sagte er die Wahrheit. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viel Mut Ehrlichkeit erfordert, besonders dann, wenn man mit einer Strafe rechnet. Von da an konzentrierte ich mich weniger darauf, Ehrlichkeit zu erzwingen, sondern darauf, eine Atmosphäre des Vertrauens herzustellen, in der Ehrlichkeit freiwillig möglich wurde.
Das Verhalten vom Kind trennen
Weiterhin versuchte ich, das Verhalten meines Sohnes ganz klar von seiner Person zu trennen. Statt zu sagen: „Warum lügst du?“ sagte ich: „Es ist nicht in Ordnung, das Tablet ohne meine Erlaubnis zu benutzen.“ Dieser Unterschied mag auf den ersten Blick als minimal erscheinen, aber bei genauer Betrachtung ist er enorm. Der erste Satz greift den Charakter meines Sohnes an; der zweite benennt lediglich sein Fehlverhalten.
Kinder müssen begreifen, dass ihre Fehler sie nicht definieren. Wenn unsere Kinder spüren, dass ihr Wert als Mensch nicht in Frage gestellt wird, selbst wenn sie Fehler machen, müssen sie sich nicht länger hinter Lügen verstecken.
Ehrlichkeit bewusst wahrnehmen und würdigen
Eines Abends erzählte mir mein Sohn plötzlich von sich aus, dass er am Nachmittag eine Sendung angeschaut hatte, die er eigentlich nicht hätte sehen dürfen. Ich sah, wie schwer es ihm fiel, mir dies zu beichten. Statt mit Ärger zu reagieren, sagte ich: „Ich finde es ganz toll, dass du mir die Wahrheit gesagt hast. Ich weiß, dass das nicht leicht für dich war.“
Ich konnte den Stolz in seinem Gesicht sehen. Dieser Moment war für ihn einprägsamer, als jede Strafe es je hätte sein können. Er wurde in seiner Ehrlichkeit bestärkt und nicht für sein Fehlverhalten verdammt.
Kinder lernen durch unser Vorbild
Mir wurde weiterhin klar, dass Kinder Ehrlichkeit nicht durch Belehrungen, sondern durch Vorbilder lernen. Immer öfter wenn ich von nun an einen Fehler machte, versuchte ich, diesen offen und ehrlich zu benennen.
„Ich lag falsch.“
„Ich habe einen Fehler gemacht.“
„Es tut mir leid.“
Ich wollte, dass mein Sohn verstand, dass Fehler kein Beinbruch sind. Dass sie Beziehungen nicht zerstören. Dass sie nicht darüber entscheiden, wie sehr wir unsere Kinder lieben. Kinder lernen weit mehr aus dem, was wir vorleben, als aus dem, was wir von ihnen verlangen.
Was sich mit der Zeit veränderte
Mit der Zeit konnte ich subtile, aber bedeutende Veränderungen bei meinem Sohn beobachten. Die Lügen wurden seltener. Nicht, weil sich plötzlich die Impulskontrolle meines Sohnes verbessert hätte. Und auch nicht, weil Bildschirme plötzlich weniger Anziehungskraft auf ihn gehabt hätten. Es war vielmehr die Tatsache, dass für ihn Lügen ihre lebenswichtige Bedeutung verloren hatten. Ehrlich zu sein fühlt sich einfach sicherer an.
Wie gesagt, ist das Lügen oft eine Form von Selbstschutz für unsere Kinder. Kinder lügen, um sich zu schützen - vor Scham, vor Enttäuschung, vor der Angst, ihre gute Beziehung zu uns zu verlieren. Das gilt besonders für neurodivergente Kinder, die oft ein fragiles Selbstwertgefühl entwickeln, nachdem sie jahrelang erlebt haben, wie sie aufgrund ihrer Neurodivergenz ausgegrenzt wurden und die an sie gesetzte Erwartungen nur schwer erfüllen konnten.
Wenn wir auf die Lügen unserer Kinder mit Ärger, Enttäuschung oder gar mit Beschimpfungen reagieren, verstärken wir genau die Angst, die zur Lüge geführt hat. Wenn wir ihnen jedoch mit Ruhe, Klarheit und Sicherheit begegnen, schaffen wir die Voraussetzung dafür, dass Wahrheit plötzlich möglich werden kann.
Das Ziel ist nicht perfektes Verhalten, sondern Vertrauen
Mein Sohn hat noch immer seine Schwierigkeiten mit Bildschirmen. Er trifft noch immer impulsive Entscheidungen. Und ja, manchmal lügt er auch noch.
Aber immer häufiger beobachte ich, wie er sich für die Wahrheit entscheidet. Und je öfter er dies tut, desto intensiver baut er Vertrauen auf. Vertrauen darauf, dass es okay ist, unvollkommen zu sein. Vertrauen darauf, dass seine Fehler nichts an meiner Liebe zu ihm ändern. Und genau diese Sicherheit ist es, die ich ihm als Lebensgrundlage vermitteln möchte.
Wenn du Unterstützung bei deinen ADHS-Symptomen brauchst, melde dich jederzeit, und wir sprechen miteinander!
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