Wenn jede Bitte zu viel ist: ADHS, PDA und die ständige Abwehr von Anforderungen
„Möchtest du ins Schwimmbad?“
Nein.
„Sollen wir Oma und Opa besuchen und Kuchen essen?“
Nein!
„Wir könnten in den Freizeitpark fahren…“
NEIN!
Bei uns zu Hause können selbst Dinge, auf die sich andere Kinder vermutlich sofort freuen würden, zunächst einmal heftigen Widerstand auslösen. Unser Sohn hat AuDHS und zeigt sehr ausgeprägte PDA-Merkmale. Und für uns als Familie bedeutet das, dass nicht nur unangenehme Anforderungen schwierig sein können, wie beispielsweise Hausaufgaben, Zähneputzen, Anziehen, Schule. Auch Schwimmbad, Freizeitpark oder Kuchen bei den Großeltern können sich in dem Moment, in dem daraus eine Erwartung oder ein Plan wird, plötzlich wie eine Forderung anfühlen. Dann wird diskutiert, geschimpft, verweigert und manchmal eskaliert die Situation völlig. Das kann unglaublich anstrengend sein.
Und gleichzeitig habe ich zunehmend verstanden, dass hinter diesem Verhalten möglicherweise etwas anderes steckt als die einfache Botschaft: „Ich will nicht.“ Oft lautet die Botschaft vielmehr: „Mein Nervensystem schafft das gerade nicht - und mir ist einfach alles zu viel!“
Was ist PDA eigentlich?
PDA steht ursprünglich für Pathological Demand Avoidance, auf Deutsch ungefähr „pathologische Anforderungsvermeidung“. Der Begriff wurde von der britischen Psychologin Elizabeth Newson geprägt und später vor allem im Zusammenhang mit Autismus bekannt. Inzwischen werden auch Bezeichnungen wie Extreme Demand Avoidance oder Persistent Drive for Autonomy verwendet. Gerade der letzte Begriff verändert die Perspektive: weg von einem Kind, das sich „pathologisch verweigert“, hin zu einem Menschen mit einem außergewöhnlich starken Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle.
Typisch ist nicht einfach, dass ein Kind gelegentlich keine Lust hat. Vielmehr können ganz alltägliche Anforderungen eine außergewöhnlich starke Stressreaktion hervorrufen. Das kann zum Beispiel bedeuten:
alltägliche Bitten und Aufforderungen massiv abzuwehren,
Situationen kontrollieren zu wollen,
zu verhandeln, abzulenken oder Ausreden zu finden,
Tätigkeiten aufzuschieben oder ihnen auszuweichen,
plötzlich albern oder provokativ zu werden,
zu fluchen oder aggressiv zu reagieren,
wegzulaufen oder sich zurückzuziehen,
emotional zu eskalieren oder völlig zusammenzubrechen,
selbst Dinge abzulehnen, die das Kind eigentlich gerne macht.
Und genau der letzte Punkt hat mir persönlich geholfen, das Verhalten unseres Sohnes anders zu verstehen. Wenn ein Kind nur Mathe und Zimmeraufräumen verweigert, denken wir schnell: Natürlich. Darauf haben ja viele Menschen keine Lust. Wenn dasselbe Kind aber einen Ausflug verweigert, auf den es sich eigentlich gefreut hat, wird diese Erklärung schwieriger.
Ist PDA überhaupt eine Diagnose?
Hier wird es kompliziert. PDA ist weder im ICD-11 noch im DSM-5-TR eine eigenständige Diagnose. Auch darüber, ob PDA eine Unterform von Autismus oder ein Verhaltensprofil ist, gibt es bislang keinen wissenschaftlichen Konsens. Eine Forschungsübersicht kam bereits 2023 zu dem Schluss, dass PDA nach dem damaligen Forschungsstand weder als eigenständige Diagnose noch als klarer Subtyp von Autismus angesehen werden könne. Die Autoren schlugen eher vor, von einem Verhaltensprofil zu sprechen.
Und eine ganz aktuelle systematische Übersichtsarbeit von 2026 fällt noch kritischer aus. Die Autoren untersuchten die bisher verwendeten PDA-Messinstrumente und kamen zu dem Ergebnis, dass die derzeitige Forschung nicht ausreicht, um PDA zuverlässig als eigenständige diagnostische Entität zu etablieren. Deshalb gibt es Fachleute, die den Begriff ablehnen. Manche halten ihn für schlecht definiert, andere befürchten, dass bereits bekannte Phänomene aus Autismus, ADHS, Angst, oppositionellem Verhalten oder anderen Bereichen lediglich unter einem neuen Namen zusammengefasst werden. Gelegentlich fällt sogar der Begriff „Modediagnose“.
Ich finde deshalb eine gewisse Vorsicht sinnvoll. Gleichzeitig hilft es Familien wenig, wenn das Phänomen von Fachleuten schlichtweg abgelehnt wird, weil sie es wissenschaftlich noch nicht gut genug einordnen können. Wir können durchaus ein Muster beschreiben, ohne daraus vorschnell eine Diagnose erstellen zu müssen.
Und was hat PDA mit ADHS zu tun?
Traditionell wurde PDA fast ausschließlich im Zusammenhang mit Autismus diskutiert. Inzwischen wurde dieses Bild erweitert. Eine Studie mit 132 Erwachsenen untersuchte Zusammenhänge zwischen PDA-Merkmalen, Autismus, ADHS, Impulsivität und Persönlichkeitsmerkmalen. Besonders auffällig war die starke Korrelation zwischen ADHS- und PDA-Werten. ADHS-Merkmale korrelierten mit r = .71 mit PDA-Merkmalen; der Zusammenhang mit autistischen Merkmalen war dagegen eher gering. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass PDA eigentlich ADHS ist. Aber es stellt die Vorstellung infrage, Demand Avoidance müsse ausschließlich in Zusammenhang mit Autismus gesehen werden.
Auch eine große Untersuchung von 2026 mit Kindern und Jugendlichen fand viele Überschneidungen: In der Gruppe mit Autismus und PDA war ADHS mit 32 % die häufigste zusätzlich angegebene Diagnose. Die Studie deutete außerdem darauf hin, dass sensorische Überreaktivität, Angst und Schwierigkeiten mit Unsicherheit bei Demand Avoidance eine Rolle spielen können. Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen: „Zu welcher Diagnose gehört PDA?“ und stärker: „Was löst bei diesem Kind die extreme Stressreaktion auf Anforderungen aus?“
Ein überlastetes Nervensystem
Das ist inzwischen meine persönliche Arbeitshypothese. Bei unserem Sohn wirkt es häufig so, als sei sein Nervensystem ohnehin schon sehr schnell an seiner Belastungsgrenze. Wenn dann noch eine Anforderung hinzukommt, ist der Wutanfall meist schon vorprogrammiert. Besonders deutlich erleben wir das in der Schule, die praktisch aus einer endlosen Reihe von Anforderungen besteht: Setz dich hin. Hol dein Heft heraus. Fang an. Hör zu. Arbeite mit der Gruppe. Beeil dich. Jetzt ist Pause. Jetzt ist die Pause vorbei. Mach etwas anderes. Und morgen wieder von vorne.
Wir haben deshalb bereits Phasen mit stark verkürztem Schulbesuch und vielen Tagen hinter uns, an denen der Gang in die Klasse überhaupt nicht möglich war. Manchmal sieht man bei meinem Sohn die Überforderung sehr deutlich, wenn er zittert, weint oder kaum ansprechbar ist. Zu anderen Zeiten äußert sie sich versteckt, indem mein Sohn stört, Schimpfwörter benutzt, provoziert oder sich schlicht verweigert. Und genau das ist für uns als Eltern unglaublich schwierig. Denn natürlich können wir nicht jedes problematische Verhalten einfach akzeptieren; gleichzeitig hilft es häufig erstaunlich wenig, auf ein überfordertes Kind noch mehr Druck auszuüben.
Warum klassische Konsequenzen oft vieles schlimmer machen
Das ist vielleicht einer der herausforderndesten Aspekte von PDA-ähnlichem Verhalten. Unser intuitiver Erziehungsreflex lautet häufig: Das Kind verweigert eine Anweisung, so dass wir konsequenter werden müssten. Also wiederholen wir die Aufforderung. Dann bestimmter. Dann drohen wir mit einer Konsequenz. Jedoch für ein Kind, das die ursprüngliche Anforderung bereits als Kontrollverlust oder Bedrohung erlebt, haben wir damit möglicherweise gerade drei weitere Anforderungen geschaffen: Der Widerstand steigt. Wir werden ärgerlicher. Der Konflikt eskaliert. Und irgendwann wissen alle Beteiligten kaum noch, wie die Situation eigentlich entstanden ist. Das bedeutet nicht, dass Kinder keine Grenzen brauchen, sondern dass wir Grenzen anders vermitteln müssen.
Was kann bei PDA-ähnlichem Verhalten helfen?
Es gibt leider noch keine umfangreiche evidenzbasierte PDA-Behandlung. Eine erste Pilotstudie eines zwölfwöchigen Elternprogramms ist allerdings interessant: Eltern berichteten nach dem Programm Verbesserungen ihrer eigenen Lebensqualität sowie bei verschiedenen Demand-Avoidance-Merkmalen ihrer Kinder. Da es sich um eine Pilotstudie ohne starke Vergleichsbedingungen handelt, brauchen wir wesentlich mehr Forschung, bevor wir daraus allgemeingültige Empfehlungen ableiten können.
In unserem eigenen Alltag sowie in meiner Arbeit mit neurodivergenten Familien finde ich deshalb weniger eine einzelne „PDA-Methode“ hilfreich als eine grundsätzliche Veränderung unserer Frage: Statt zu fragen Wie bekommen wir unser Kind dazu, eine Forderung zu erfüllen? können wir umformulieren: Wie können wir die Situation so gestalten, dass sein Nervensystem weniger schnell in den Widerstand gehen muss?
Das bedeutet nicht, dass wir alle Anforderungen abschaffen sollten. Das wäre weder möglich noch unbedingt hilfreich. Es bedeutet vielmehr, genauer zu unterscheiden, wo wir Druck reduzieren können und wo eine Grenze tatsächlich notwendig ist:
1. Direkte Forderungen reduzieren und Sprache verändern.
Bei manchen Kindern reicht bereits die Formulierung einer Aufforderung, um Widerstand auszulösen. „Zieh jetzt deine Schuhe an“, „Räum das weg“ oder „Du musst jetzt mitkommen“ lassen wenig Raum für Autonomie. Wir können versuchen, Informationen zu geben, statt sofort Anweisungen auszusprechen: „Wir fahren in zehn Minuten“, „Deine Schuhe stehen an der Tür“ oder „Das Schwimmbad macht um sechs Uhr zu.“
Auch indirektere oder gemeinschaftliche Formulierungen können helfen: „Wie bekommen wir das jetzt hin?“, „Was wäre für dich ein guter erster Schritt?“ oder „Sollen wir zusammen anfangen?“ Das Ziel ist dabei nicht, unser Kind mit besonders geschickten Formulierungen zu manipulieren. Kinder merken erstaunlich schnell, wenn sich hinter „Ich frage mich, ob deine Schuhe wohl schon bereit sind“ eigentlich nur ein verkleidetes „Zieh deine Schuhe an!“ verbirgt. Vielmehr geht es darum, echten Spielraum dort zu lassen, wo Spielraum möglich ist.
2. Echte Wahlmöglichkeiten schaffen.
Wenn Anforderungen als Kontrollverlust erlebt werden, können kleine Wahlmöglich-keiten ein Stück Autonomie zurückgeben. „Möchtest du zuerst Zähne putzen oder den Schlafanzug anziehen?“ oder „Möchtest du deine Hausaufgaben am Tisch oder auf dem Sofa anfangen?“ kann sich ganz anders anfühlen als eine direkte Anweisung.
Wichtig ist allerdings, nur Wahlmöglichkeiten anzubieten, die wir tatsächlich akzeptieren können. „Willst du jetzt ins Bett?“ ist keine echte Wahl, wenn „Nein“ anschließend nicht erlaubt ist. Dann ist es oft ehrlicher zu sagen: „Es ist Zeit fürs Bett. Möchtest du selbst hochgehen oder sollen wir zusammen gehen?“ Und manchmal hilft auch eine dritte Möglichkeit: „Hast du eine andere Idee?“ Kinder entwickeln gelegentlich Lösungen, auf die wir selbst gar nicht gekommen wären.
3. Übergänge nicht unterschätzen.
Manchmal sieht etwas wie die Ablehnung einer Aktivität aus, obwohl eigentlich der Übergang das Problem ist. Das Kind spielt gerade Lego und soll zum Schwimmen. Schwimmen findet es eigentlich toll, aber dafür muss es sein Lego-Spiel unterbrechen, sich umziehen, Sachen zusammensuchen, das Haus verlassen, ins Auto steigen, irgendwo ankommen und sich dort erneut umstellen. Aus einem scheinbar einfachen „Wir gehen schwimmen“ wird damit eine ganze Kette von Anforderungen.
Deshalb kann es helfen, Übergänge früh anzukündigen und möglichst vorhersehbar zu machen: „In einer halben Stunde fahren wir los.“ Später: „Noch zehn Minuten.“ Ein Timer, eine visuelle Tagesübersicht oder ein immer ähnlicher Ablauf können ebenfalls entlasten. Manche Kinder brauchen außerdem deutlich mehr Zeit zwischen zwei Aktivitäten, als wir Erwachsenen ihnen intuitiv geben würden.
4. Große Anforderungen in winzige Schritte zerlegen.
„Mach dich für die Schule fertig“ klingt für uns nach einer einzigen Aufgabe. Für ein Kind mit ADHS und hoher Demand Avoidance können darin zehn Anforderungen stecken: aufstehen, anziehen, frühstücken, Zähne putzen, Haare machen, Ranzen packen, Schuhe anziehen und das Haus verlassen. Dann kann es helfen, immer nur den nächsten Schritt sichtbar zu machen. Nicht: „Mach dich endlich fertig!“ Sondern: „Lass uns erst einmal die Hose finden.“ Manchmal ist sogar das noch zu viel. Dann können wir gemeinsam anfangen: Wir holen die Hose, das Kind zieht sie an. Wir öffnen den Schulranzen, das Kind legt das Heft hinein. Unterstützung ist in solchen Situationen nicht automatisch „zu viel helfen“. Sie kann die exekutive Belastung so weit reduzieren, dass das Kind überhaupt handlungsfähig bleibt.
5. Anforderungen priorisieren und bewusst manche Dinge loslassen.
Wenn ein Kind den ganzen Tag mit Anforderungen kämpft, lohnt sich die Frage: Welche davon sind heute wirklich wichtig? Sicherheit ist nicht verhandelbar. Manche gesundheitlichen oder schulischen Anforderungen können ebenfalls notwendig sein. Aber muss das Zimmer heute aufgeräumt werden? Muss das Kind beim Familienbesuch höflich am Tisch sitzen bleiben? Müssen die Socken zusammenpassen? Muss die Jacke geschlossen sein, obwohl dem Kind warm ist? Gerade an Tagen, an denen das Nervensystem ohnehin schon überlastet ist, kann es sinnvoll sein, bewusst Anforderungen zu streichen. Das ist nicht dasselbe wie „das Kind bekommt immer seinen Willen“. Wir entscheiden vielmehr, wofür wir die begrenzte Regulationsfähigkeit unseres Kindes und unsere eigene Energie einsetzen möchten.
6. Bei schönen Aktivitäten den Erwartungsdruck herausnehmen.
Das ist bei unserem Sohn besonders wichtig. Auch ein Freizeitpark, Schwimmbad oder Kuchenessen bei Oma und Opa kann zur Anforderung werden, sobald wir daraus einen festen Plan machen und erwarten, dass er sich darauf freut. Deshalb kann es helfen, weniger Begeisterung einzufordern und mehr Offenheit zu lassen. Statt „Wir fahren morgen in den Freizeitpark, das wird toll!“ vielleicht: „Wir überlegen, morgen in den Freizeitpark zu fahren. Du musst dich jetzt noch nicht darauf freuen. Wir schauen morgen, wie es sich anfühlt.“ Denn auch „Freu dich doch!“ kann erstaunlicherweise eine Forderung sein.
7. In einer Eskalation nicht noch mehr Anforderungen hinzufügen.
Wenn ein Kind bereits schreit, schimpft, wegläuft oder völlig dichtmacht, versuchen wir verständlicherweise häufig, die Situation zu klären: „Jetzt beruhigst du dich erst einmal.“ „So redest du nicht mit mir.“ „Erklär mir, was los ist.“ „Entschuldige dich.“ Jeder dieser Sätze kann in diesem Moment eine weitere Anforderung darstellen. Wenn das Nervensystem bereits im Alarmzustand ist, ist häufig nicht der richtige Zeitpunkt für Einsicht, Problemlösung oder pädagogische Gespräche. Dann geht es zunächst darum, Reize und Anforderungen zu reduzieren und wieder Sicherheit herzustellen: weniger sprechen, Abstand geben, selbst möglichst ruhig bleiben, Publikum reduzieren, einen ruhigeren Ort anbieten oder einfach eine Weile nichts verlangen. Das bedeutet nicht, dass wir Schimpfwörter, Treten oder anderes verletzendes Verhalten gutheißen. Grenzen dürfen weiterhin bestehen: „Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst.“ Die ausführliche Besprechung kann aber später stattfinden, wenn das Kind wieder zugänglich ist.
8. Nach der Eskalation neugierig statt strafend zurückblicken.
Wenn alle wieder reguliert sind, können wir gemeinsam untersuchen, was passiert ist. Nicht als Verhör – „Warum hast du das schon wieder gemacht?“ – sondern eher wie Detektive:
Was war kurz vorher los?
Was war vielleicht schon den ganzen Tag schwierig?
Welche Forderung war der Kipppunkt?
War es laut, voll oder unvorhersehbar?
War das Kind hungrig oder erschöpft?
Was hätte die Situation leichter gemacht?
Gerade bei wiederkehrenden Problemen können sich dadurch Muster zeigen. Vielleicht eskaliert die Situation fast immer direkt nach der Schule. Vielleicht funktionieren Anforderungen morgens besser als abends. Vielleicht sind spontane Planänderungen besonders schwierig. Oder das Kind schafft etwas mit einer vertrauten Person, was in einer Gruppe regelmäßig scheitert. Dann behandeln wir nicht mehr nur das sichtbare Verhalten, sondern beginnen, die Bedingungen dahinter zu verändern.
9. An guten Tagen gemeinsam Strategien entwickeln.
Problemlösung funktioniert am besten, wenn gerade kein Problem besteht. Wir können unser Kind also in ruhigen Momenten fragen: „Morgens geraten wir gerade oft aneinander. Was macht das Fertigmachen für dich so schwierig?“ Oder: „Was könnte dir helfen, wenn wir irgendwo losfahren wollen?“ Manche Kinder können darauf keine direkte Antwort geben. Dann können wir Möglichkeiten anbieten: „Ist es schwierig, weil du nicht weißt, was passiert? Weil du dein Spiel unterbrechen musst? Weil ich dich zu oft daran erinnere? Oder ist es etwas ganz anderes?” Damit wird das Kind vom Empfänger unserer Maßnahmen zum Mitentwickler von Lösungen. Und vielleicht ist der wichtigste Perspektivwechsel überhaupt:
10. Verhalten nicht automatisch mit Absicht gleichsetzen.
Ein Kind kann Schimpfwörter benutzen, die ganze Familie aufhalten, den Unterricht stören oder einen eigentlich schönen Ausflug beinahe unmöglich machen – und trotzdem nicht morgens aufgestanden sein mit dem Plan, allen das Leben schwer zu machen. Das heißt nicht, dass jedes Verhalten akzeptabel ist. Wir können Verhalten begrenzen und gleichzeitig Überforderung sehen. Gerade bei PDA-ähnlichem Verhalten finde ich diese beiden Gedanken enorm wichtig. Wir müssen nicht zwischen „Mein Kind kann nichts dafür“ und „Mein Kind muss sich benehmen“ wählen. Unsere Aufgabe kann vielmehr darin bestehen, Grenzen dort zu setzen, wo sie notwendig sind – und gleichzeitig so viele unnötige Kämpfe aus dem Alltag zu nehmen, dass unser Kind überhaupt wieder genügend Regulationsfähigkeit für die wichtigen Dinge hat.
Weniger Kämpfe, mehr Verständnis im Familienalltag
In meinem Elterntraining für Eltern von Kindern mit ADHS schauen wir genau darauf, was hinter schwierigem Verhalten steckt und wie wir mit weniger Konflikten und mehr Verständnis durch den Familienalltag kommen können.
Das Training kann komplett oder in einzelnen Modulen gebucht werden.
→ Mehr über mein Elterntraining erfährst du hier.
Auch Eltern dürfen sagen: Das ist unglaublich anstrengend
Bei allen wohlmeinenden Ratschlägen über Co-Regulation und Nervensysteme fehlt mir manchmal etwas Entscheidendes: PDA-ähnliches Verhalten kann für eine Familie wahnsinnig ermüdend sein. Wenn praktisch jede Bitte zur Verhandlung wird, wenn ein schöner Familienausflug schon vor der Haustür eskaliert und wenn wir morgens nie wissen, ob Schule heute überhaupt möglich sein wird, bleiben auch Eltern nicht dauerhaft ruhig und reguliert. Ich jedenfalls nicht. Manchmal werde ich ungeduldig. Manchmal erhöhe ich den Druck, obwohl ich eigentlich weiß, dass er nicht hilft. Und manchmal werde ich lauter als ich es mir vorgenommen hatte.
Vielleicht gehört auch das zur Realität. Unser Ziel muss nicht sein, jede Situation perfekt zu begleiten. Wir können versuchen, das Verhalten hinter dem Verhalten besser zu verstehen, ohne dabei zu vergessen, wie anstrengend es sein kann, jeden Tag damit umzugehen. Nicht jede Strategie wird funktionieren, nicht jede Eskalation lässt sich verhindern und auch wir Eltern haben Grenzen.
Für mich ist deshalb vielleicht die wichtigste Veränderung, nicht mehr jede Verweigerung automatisch als Provokation zu sehen. Manchmal ist ein „Nein“ eben nicht einfach nur ein „Ich will nicht“, sondern ein Zeichen dafür, dass gerade alles zu viel ist. Das macht unseren Alltag nicht automatisch leichter, aber es hilft uns, unserem Kind mit etwas mehr Verständnis und uns selbst mit etwas mehr Nachsicht zu begegnen.
Häufig gestellte Fragen
Ist PDA eine offizielle Diagnose?
Nein. PDA ist derzeit weder im ICD-11 noch im DSM-5-TR als eigenständige Diagnose anerkannt. In der Forschung wird diskutiert, ob es sich um ein eigenständiges Profil, eine besondere Form von Demand Avoidance oder um Verhaltensweisen handelt, die sich besser durch bereits bekannte neurodevelopmentale und psychische Faktoren erklären lassen.
Können auch Kinder mit ADHS PDA-Merkmale haben?
Das ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Es gibt jedoch Hinweise auf deutliche Überschneidungen zwischen ADHS und ausgeprägter Demand Avoidance. Eine Studie an Erwachsenen fand beispielsweise einen starken Zusammenhang zwischen ADHS- und PDA-Merkmalen. Das reicht allerdings nicht aus, um PDA als Teil von ADHS einzuordnen.
Was ist der Unterschied zwischen PDA und normaler Verweigerung?
Fast alle Kinder verweigern gelegentlich Dinge, die sie nicht tun möchten. Bei ausgeprägter Demand Avoidance betrifft die Abwehr wesentlich mehr Lebensbereiche, tritt sehr häufig auf und kann bereits durch alltägliche Erwartungen starke Stressreaktionen auslösen. Auch angenehme oder selbst gewünschte Aktivitäten können betroffen sein.
Warum verweigern Kinder mit PDA auch Dinge, die ihnen Spaß machen?
Eine mögliche Erklärung ist, dass nicht unbedingt die Aktivität selbst das Problem darstellt, sondern das Erleben einer Erwartung, eines Übergangs oder eines Verlusts von Kontrolle. Welche Mechanismen hinter PDA genau stehen, ist allerdings noch Gegenstand der Forschung; Angst, Unsicherheitsintoleranz und sensorische Überlastung werden unter anderem untersucht.
Was hilft Eltern bei PDA?
Häufig werden weniger konfrontative Kommunikation, Wahlmöglichkeiten, mehr Vorhersehbarkeit, das Reduzieren unnötiger Anforderungen und Co-Regulation empfohlen. Wichtig ist dabei, individuell herauszufinden, welche Situationen das Kind überfordern. Die wissenschaftliche Evidenz für PDA-spezifische Interventionen ist bislang noch begrenzt.
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Für Jugendlich ab 15 Jahren und Erwachsene
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