Warum viele Studierende erst im Studium merken, dass sie ADHS haben


In der Schule war doch eigentlich alles in Ordnung. Wir hatten gute Noten. Haben unser Abitur geschafft, auch wenn es am Ende recht anstrengend war. Vielleicht waren wir ein bisschen chaotisch, haben Referate grundsätzlich am Abend vorher vorbereitet oder unsere Hausaufgaben gelegentlich in der Pause erledigt, aber irgendwie hat es funktioniert.


Und dann kommen wir an die Universität und plötzlich funktioniert erstaunlich wenig. Wir verpassen Anmeldefristen, schieben Hausarbeiten wochenlang vor uns her, sitzen fünf Stunden in der Bibliothek und haben am Ende zwei Absätze geschrieben. Wir nehmen uns jeden Abend vor, morgen endlich früher anzufangen. Und irgendwann fragen wir uns: Warum schaffen die anderen das, und warum ist für uns alles so unglaublich anstrengend? Für manche Studierende beginnt genau hier der Weg zu einer ADHS-Diagnose.


In der Schule gab es eine Struktur, die wir vielleicht gar nicht bemerkt haben

Der Übergang von der Schule zur Universität verändert nicht nur, was wir lernen. Er verändert vor allem, wie viel wir uns plötzlich selbst organisieren müssen. In der Schule war vieles von außen vorgegeben: Unterricht begann jeden Morgen ungefähr zur gleichen Zeit. Lehrkräfte sagten uns, was wir bis wann erledigen sollten. Hausaufgaben wurden kontrolliert. Klassenarbeiten hatten konkrete Termine. Wenn wir etwas nicht abgaben, bemerkte das meistens ziemlich schnell jemand.


Und dann studieren wir plötzlich. Die Vorlesung ist vielleicht erst um 12 Uhr. Für die Prüfung am Ende des Semesters sollten wir eigentlich schon jetzt anfangen zu lernen. Die Hausarbeit ist in drei Monaten fällig. Niemand interessiert sich dafür, ob wir heute zwei Stunden dafür gearbeitet haben. Diese neue Freiheit kann wunderbar sein. Für ein ADHS-Gehirn kann sie aber auch bedeuten, dass plötzlich genau die Fähigkeiten gefragt sind, die uns besonders viel Kraft kosten: Planen, priorisieren, anfangen, Zeit einschätzen, langfristige Ziele verfolgen und uns selbst strukturieren.


Eine systematische Forschungsübersicht zu Studierenden mit ADHS beschreibt genau diese Herausforderung: Mit dem Eintritt in die Hochschule steigen Anforderungen an Autonomie und exekutive Funktionen, während gleichzeitig äußere Unterstützung und Kontrolle abnehmen. Vielleicht war unser ADHS also schon immer da. Aber die Schule hat einen Teil davon für uns kompensiert.

Gute Noten schließen ADHS nicht aus

Das ist ein Punkt, den ich sehr wichtig finde. Manche Menschen kommen erst sehr spät auf die Idee, ADHS haben zu können, weil sie akademisch erfolgreich waren. Aber Erfolg und Leichtigkeit sind nicht dasselbe. Wir können gute Noten bekommen und trotzdem jede Hausarbeit unter enormem Zeitdruck schreiben. Wir können Prüfungen bestehen und trotzdem regelmäßig die Nacht vorher durchlernen. Wir können einen hervorragenden Abschluss machen und dabei wesentlich mehr Energie verbrauchen als andere.


Forschung zu spät diagnostizierten Erwachsenen zeigt, dass Menschen häufig schon lange vor ihrer Diagnose eigene Kompensationsstrategien entwickelt haben, z.B. sehr aufwendige Organisationssysteme, externe Unterstützung, Anpassungs- oder Vermeidungsstrategien. Solche Strategien können durchaus funktionieren und gleichzeitig dazu beitragen, dass ADHS lange nicht erkannt wird. Von außen sehen wir dann den Erfolg. Was wir nicht sehen, ist sein Preis.

Bei mir war das Problem nicht zu wenig Interesse, sondern viel zu viel davon

Wenn ich auf mein eigenes Studium zurückblicke, sehe ich heute einiges anders. Ich habe zunächst drei Semester Jura studiert. Warum? Nun ja, das schien damals irgendwie eine vernünftige Idee zu sein. Es stellte sich allerdings ziemlich schnell heraus, dass Jura überhaupt nicht zu mir passte. Obwohl ich in der Schule immer hervorragende Noten hatte, schrieb ich plötzlich ständig Fünfen. Und es war mir total egal. Denn das Fach interessierte mich so überhaupt nicht. Was ich eigentlich studieren wollte waren Literatur und Sprachen - und zwar so viele wie möglich!

Und da ich mich einfach nicht entscheiden konnte, begann gleich mit zwei Studiengängen: Ich studierte Übersetzungswissenschaft mit Japanisch und Englisch als Diplomstudiengang und gleichzeitig Komparatistik als Hauptfach mit Skandinavistik und Japanologie in einem zweiten Magisterstudiengang. Und eigentlich hätte ich gerne noch Französisch und Spanisch dazugenommen. Irgendwann musste selbst ich einsehen, dass mein Stundenplan gewisse physikalische Grenzen hatte.


Heute kann ich darüber lachen. Aber dahinter steckt etwas, das ich auch bei Menschen mit ADHS immer wieder sehe: Wir haben manchmal nicht zu wenige, sondern zu viele interessante Möglichkeiten gleichzeitig. Festlegen bedeutet dann immer auch, etwas anderes nicht zu machen.


Die Universität kann ADHS zunächst sogar ziemlich gut entgegenkommen

Das ist die andere Seite der Geschichte. Studieren kann für manche Menschen mit ADHS am Anfang fantastisch sein. Endlich können wir uns mit Themen beschäftigen, für die wir wirklich brennen: Wir können Kurse auswählen. neue Menschen kennenlernen, Seminare wechseln, Nächte durchdiskutieren, neue Ideen verfolgen. etc. Neuheit und Interesse gibt es im Überfluss. Und wenn Interesse unsere Aufmerksamkeit trägt, können wir erstaunlich leistungsfähig sein.


Bei mir funktionierte das für eine gewisse Zeit ganz hervorragend. Ich hatte gute Noten und konnte mich intensiv in Themen hineinarbeiten, die mich faszinierten. Nur kostete es enorm viel Energie. Und irgendwann bestand mein Studium eben nicht mehr hauptsächlich daraus, spannende Seminare zu besuchen. Ich musste für Prüfungen lernen, Literatur systematisch durcharbeiten, langfristige Projekte organisieren, Hausarbeiten schreiben, obwohl die erste Begeisterung für das Thema längst verschwunden war. Und genau an diesem Punkt begann mein System immer mehr zu wackeln.


Und dann kommt der berühmte „Zusammenbruch im dritten Semester“

Vielleicht passiert er im dritten Semester. Vielleicht im ersten. Vielleicht erst während der Masterarbeit. Es gibt keinen wissenschaftlich belegten Zeitpunkt, an dem Studierende mit ADHS plötzlich nicht mehr klarkommen. Das Muster dahinter ist trotzdem nachvollziehbar: Am Anfang können Neuheit, Begeisterung und vorhandene Kompensationsstrategien vieles auffangen. Gleichzeitig sammeln sich Anforderungen an: mehrere Prüfungen, langfristige Projekte, Nebenjob, Haushalt, vielleicht die erste eigene Wohnung und ein Sozialleben, das ebenfalls organisiert werden möchte. Irgendwann reichen unsere bisherigen Strategien möglicherweise nicht mehr.


Eine aktuelle Forschungsübersicht zu exekutiven Funktionen im Hochschulbereich beschreibt Selbstregulation, Aufgabenorganisation, Flexibilität, eigenständige Entscheidungen und Anpassungsfähigkeit als zentrale Anforderungen des Studiums. Genau hier kann ADHS plötzlich sehr sichtbar werden. Nicht unbedingt, weil es schlimmer geworden ist, sondern weil die Umgebung weniger kompensiert.


„Aber ich kann mich doch stundenlang konzentrieren“

Auch das führt manchmal dazu, dass wir ADHS lange nicht erkennen. Vielleicht können wir sechs Stunden über japanische Literatur lesen, aber keine zehn Minuten damit verbringen, das Formular für die Prüfungsanmeldung auszufüllen. Wir können uns völlig in ein Referat hineinsteigern und gleichzeitig drei wichtige E-Mails seit zwei Wochen nicht beantworten. Das wirkt widersprüchlich, wenn wir ADHS als generelles Konzentrationsdefizit verstehen.


Es ergibt wesentlich mehr Sinn, wenn wir Schwierigkeiten mit Steuerung und Regulation von Aufmerksamkeit und Verhalten betrachten. Nicht: Kann ich mich konzentrieren? Sondern: Kann ich meine Aufmerksamkeit dann einsetzen, wenn ich sie brauche, auch wenn eine Aufgabe langweilig, unklar oder erst in drei Monaten wichtig ist? Und genau davon gibt es im Studium erstaunlich viel.


Und dann ist da noch die Frage: Was will ich eigentlich werden?

Für mich war das fast genauso schwierig wie das Studium selbst. Was sollte ich mit diesem Sammelsurium aus Japanisch, Englisch, Literaturwissenschaft, Skandinavistik und Japanologie eigentlich anfangen? Lange wusste ich es nicht und musste mich ständig bei meiner Familie und Freunden für meine seltsame Studienwahl rechtfertigen. Erst als ich mich für meinen PhD in den USA entschied, legte ich mich schließlich auf Germanistik fest. Ironischerweise war das wieder ein neues Fach.


Im Rückblick finde ich meinen Weg inzwischen ziemlich logisch. Damals fühlte er sich alles andere als geradlinig an. Und vielleicht müssen wir gerade Studierenden mit ADHS häufiger sagen: Ein ungewöhnlicher Weg ist nicht automatisch ein falscher Weg. Unsere Neugier, Begeisterungsfähigkeit und vielen Interessen können wunderbare Ressourcen sein. Wir brauchen aber häufig mehr Unterstützung dabei, aus all diesen Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen und aus Entscheidungen konkrete nächste Schritte zu machen.


Vielleicht ist das Studium nicht der Moment, in dem ADHS beginnt

Wenn wir erst an der Universität massive Schwierigkeiten bekommen, bedeutet das nicht automatisch, dass vorher alles problemlos war. Vielleicht haben unsere Eltern morgens dafür gesorgt, dass wir rechtzeitig aus dem Haus kamen, Lehrkräfte unsere Deadlines strukturiert. Vielleicht waren wir intelligent genug, um vieles in letzter Minute aufzufangen. Vielleicht haben wir uns selbst Systeme gebaut, ohne überhaupt zu wissen, warum wir sie brauchten.


Und dann verschwinden viele dieser äußeren Strukturen gleichzeitig. Plötzlich sollen wir selbst die Struktur sein. Genau deshalb kann das Studium ein Moment sein, in dem ADHS zum ersten Mal wirklich sichtbar wird. Nicht weil wir plötzlich weniger intelligent, weniger motiviert oder weniger geeignet für ein Studium sind, sondern weil die Anforderungen sich verändert haben. Und vielleicht lautet die hilfreichere Frage dann nicht: „Warum bekomme ich mein Studium nicht auf die Reihe?“ sondern: „Welche Struktur brauche ich, damit mein Gehirn hier gut arbeiten kann?“


Was kann uns im Studium konkret helfen?

Wenn das Problem darin besteht, dass an der Universität plötzlich viele äußere Strukturen wegfallen, liegt eine mögliche Lösung eigentlich ziemlich nahe: Wir müssen uns einen Teil dieser Struktur bewusst wieder zurückholen. Das bedeutet nicht, dass wir unser Studium minutiös durchplanen müssen. Gerade mit ADHS funktionieren komplizierte Organisationssysteme häufig nur ungefähr drei Tage. Hilfreicher sind oft einige wenige Strukturen, die uns tatsächlich Arbeit abnehmen.


Deadlines nach vorne holen: Eine Hausarbeit, die in acht Wochen abgegeben werden muss, existiert für unser Gehirn möglicherweise noch kaum. Deshalb können wir künstliche Zwischenziele setzen: Bis Freitag Literatur suchen. Nächste Woche Gliederung. Eine Woche später drei Seiten Rohfassung. Noch besser funktioniert es häufig, wenn jemand anderes von diesen Terminen weiß.


Aufgaben so klein machen, dass wir anfangen können. „Hausarbeit schreiben“ ist keine besonders hilfreiche Aufgabe. „Dokument öffnen und Überschrift schreiben“ schon eher. Gerade wenn wir seit Tagen vor einer Aufgabe weglaufen, sollten wir den ersten Schritt nicht größer, sondern kleiner machen.


Nicht nur Termine in den Kalender schreiben. Wenn im Kalender lediglich Seminare und Prüfungen stehen, sieht eine Woche erstaunlich leer aus. Aber irgendwo müssen wir auch lesen, lernen, recherchieren und schreiben. Diese Zeiten dürfen genauso einen Platz im Kalender bekommen wie eine Vorlesung.


Andere Menschen als Struktur nutzen. Gemeinsam in die Bibliothek gehen, sich zum Lernen verabreden oder einfach neben jemandem arbeiten kann enorm helfen. Wir müssen Selbstorganisation nicht zwangsläufig allein bewältigen, nur weil „Selbststudium“ darauf steht.


Mit unserem Interesse arbeiten, statt ständig dagegen. Natürlich können wir uns im Studium nicht nur mit Dingen beschäftigen, die uns faszinieren. Aber wir können Wahlmöglichkeiten nutzen: Welches Referatsthema interessiert mich wirklich? Kann ich eine Hausarbeit mit einem meiner Interessen verbinden? Zu welcher Tageszeit fällt mir langweilige Arbeit am leichtesten? Und welche Umgebung hilft mir dabei? Dabei geht es nicht darum, die perfekte Lernmethode zu finden. Es geht darum, herauszufinden, unter welchen Bedingungen unser Gehirn besser arbeiten kann.

Wir müssen nicht plötzlich perfekt organisiert sein

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis überhaupt: Wenn uns das Studium überfordert, brauchen wir nicht unbedingt mehr Disziplin. Manchmal brauchen wir schlicht mehr äußere Struktur, kleinere Schritte und Systeme, die zu unserem Gehirn passen. Ich hätte während meines Studiums vermutlich sehr davon profitiert, das früher zu wissen. Stattdessen habe ich mich mit viel Interesse, noch mehr Energie und einem beeindruckenden Sammelsurium an Studienfächern irgendwie hindurchmanövriert. Mein Weg war alles andere als geradlinig, aber am Ende hat er mich trotzdem dorthin geführt, wo ich hinwollte.

Wenn wir also irgendwann im Studium feststellen, dass das, was früher irgendwie funktioniert hat, plötzlich nicht mehr reicht, bedeutet das nicht automatisch, dass wir für die Universität ungeeignet sind. Es bedeutet vielmehr, dass unser Fokus darauf liegen sollte, uns anders zu organisieren und nicht, uns mehr und mehr anzustrengen. Oft ist genau diese gedankliche Veränderung, die uns letztendlich zum gewünschten Erfolg führt!


Häufig gestellte Fragen

Warum wird ADHS bei manchen Menschen erst im Studium erkannt?

Der Wechsel zur Universität bringt deutlich mehr Selbstorganisation, langfristige Planung und Eigenverantwortung mit sich, während äußere Strukturen abnehmen. Dadurch können Schwierigkeiten sichtbar werden, die zuvor kompensiert wurden.

Kann man ADHS haben und trotzdem gute Noten schreiben?

Ja. Akademischer Erfolg schließt ADHS nicht aus. Manche Menschen entwickeln wirkungsvolle Kompensationsstrategien oder investieren sehr viel Zeit und Energie, sodass ihre Schwierigkeiten von außen kaum auffallen.

Welche Probleme haben Studierende mit ADHS häufig?

Typische Schwierigkeiten betreffen unter anderem Zeitmanagement, Organisation, Aufgabenbeginn, längerfristige Planung, Selbstregulation und den Umgang mit Ablenkungen. Wie stark einzelne Bereiche betroffen sind, unterscheidet sich allerdings erheblich.

Warum kann Lernen kurz vor einer Prüfung besser funktionieren als Wochen vorher?

Eine unmittelbar bevorstehende Deadline macht eine Aufgabe konkreter und dringlicher. Das kann den Einstieg erleichtern. Langfristig führt ausschließliches Arbeiten unter Zeitdruck allerdings häufig zu Stress und sehr belastenden Lernphasen.

Was kann Studierenden mit ADHS helfen?

Unterstützung sollte individuell sein. Forschung zu Studierenden mit ADHS untersucht unter anderem organisatorische und Zeitmanagement-Trainings, Coaching, CBT-basierte Programme und Hochschul-Nachteilsausgleiche bzw. Unterstützungsangebote. Eine systematische Übersicht fand positive Ergebnisse in mehreren dieser Bereiche, weist aber auch darauf hin, dass die Forschung noch ausgebaut werden muss.

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Wenn du das Gefühl hast, regelmäßig an deine Grenzen mit deinen ADHS Symptomen zu stoßen, begleite ich dich gerne dabei. Gemeinsam entwickeln wir Strategien und Methoden, die den Umgang mit deinen Herausforderungen erleichtern. In einem 30-minütigen Kennenlerngespräch finden wir gemeinsam heraus, ob mein Angebot zu dir passt.

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