Wenn Zuhören nicht reicht: ADHS und Vorlesungen
„Ich war doch die ganze Zeit in der Vorlesung … warum kann ich mich kaum an etwas erinnern?" Viele Studierende mit ADHS kennen dieses Gefühl. Sie sitzen pünktlich in der Vorlesung, hören aufmerksam zu und schreiben vielleicht sogar mehrere Seiten mit. Trotzdem verlassen sie den Hörsaal mit dem Eindruck, kaum etwas behalten zu haben. Das liegt nicht daran, dass sie sich zu wenig anstrengen oder das Interesse fehlt, denn klassische Vorlesungen verlangen genau die Fähigkeiten, die Menschen mit ADHS besonders viel Energie kosten.
Auch ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Als Studentin habe ich Vorlesungen oft als extrem frustrierend erlebt. Es fiel mir unglaublich schwer, mich über längere Zeit zu konzentrieren. Nach neunzig Minuten hatte ich häufig das Gefühl, mehr Zeit abgesessen als tatsächlich gelernt zu haben. Nicht selten dachte ich: „Den Stoff hätte ich mir in der Hälfte der Zeit selbst aneignen können.”
Mit der Zeit begann ich deshalb, Vorlesungen komplett zu vermeiden, was in meinen Fächern glücklicherweise möglich war. Als ich später selbst Professorin an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh wurde, nahm ich mir vor, niemals klassische Frontalvorlesungen abzuhalten. Selbst in großen Lehrveranstaltungen versuchte ich, meine Studierenden aktiv einzubeziehen. Schon damals wusste ich aus der Lern- und Motivationsforschung, dass Frontalunterricht erstaunlich wenig mit dem zu tun hat, wie unser Gehirn tatsächlich lernt.
Warum Vorlesungen für fast niemanden die ideale Lernform sind
Seit Jahrhunderten funktionieren Universitäten nach demselben Prinzip: Eine Person spricht, Hunderte Studierende hören zu. Die Annahme dahinter klingt logisch: Wer aufmerksam zuhört, lernt automatisch. Doch genau das zeigt die Lernpsychologie seit Jahrzehnten nicht. Wir lernen am besten, wenn wir aktiv mit neuen Informationen arbeiten, Fragen stellen, Probleme lösen, diskutieren, Zusammenhänge herstellen oder Inhalte mit eigenen Worten erklären.
Passives Zuhören gehört dagegen zu den weniger effektiven Lernformen. Das bedeutet nicht, dass Vorlesungen grundsätzlich schlecht sind. Sie können Orientierung geben, Interesse wecken oder komplexe Themen verständlich strukturieren. Wirkliches Lernen entsteht jedoch meist erst danach, wenn wir den Stoff weiterverarbeiten und aktiv damit arbeiten. Genau hier wird es für viele Studierende mit ADHS besonders schwierig.
Vorlesungen kosten für Menschen mit ADHS viel Kraft
Eine typische Vorlesung verlangt erstaunlich viele Fähigkeiten gleichzeitig. Wir sollen
60 bis 90 Minuten aufmerksam zuhören,
ruhig sitzen,
Ablenkungen ausblenden,
neue Informationen verstehen,
entscheiden, was wichtig ist,
gleichzeitig mitschreiben,
und alles lange genug im Arbeitsgedächtnis behalten, um neue Inhalte mit bereits Gesagtem zu verknüpfen.
Eine Vorlesung besteht also nicht einfach nur aus Zuhören. Sie ist eine komplexe Multitasking-Aufgabe. Und genau diese sogenannten Exekutivfunktionen gehören zu den Bereichen, die bei ADHS besonders betroffen sind. Vor allem das Arbeitsgedächtnis gerät dabei schnell an seine Grenzen. Ich erkläre meinen Patienten und Klienten das oft mit einem einfachen Bild: Wir tragen mehrere volle Einkaufstaschen nach Hause. Gerade haben wir alle Taschen unter Kontrolle, da drückt uns jemand noch zwei weitere in die Hand. Irgendwann fällt zwangsläufig etwas herunter.
Genauso funktioniert auch unser Arbeitsgedächtnis. Während die Dozentin bereits den nächsten Gedanken erklärt, versucht uns Gehirn noch, den vorherigen Satz zu verstehen oder fertig mitzuschreiben. Dann kommt schon die nächste Information. Und plötzlich haben wir das Gefühl, der Vorlesung ständig hinterherzulaufen. Viele Studierende beschreiben es so: „Ich habe nie das Gefühl, wirklich mitzukommen. Ich versuche die ganze Zeit nur aufzuholen."
Mitschreiben erscheint oft fast unmöglich
Einer der häufigsten Ratschläge lautet: „Du musst einfach bessere Notizen machen." Leider ist das leichter gesagt als getan. Denn während einer Vorlesung müssen wir gleichzeitig zuhören, verstehen, entscheiden, welche Informationen wichtig sind, sie strukturieren und möglichst schnell aufschreiben. Für viele Menschen mit ADHS fühlt sich das nahezu unmöglich an. Manche versuchen deshalb, jedes Wort mitzuschreiben. Andere konzentrieren sich so sehr aufs Zuhören, dass am Ende kaum etwas im Heft steht. Beides führt selten zu guten Ergebnissen.
Das Ziel guter Notizen ist nämlich nicht, ein vollständiges Transkript der Vorlesung zu erstellen. Viel wichtiger ist es, genügend Anhaltspunkte festzuhalten, damit wir die Inhalte später wieder rekonstruieren können. Fragen, Beispiele, kleine Skizzen oder Verbindungen zu bereits Bekanntem sind oft wertvoller als ganze Sätze.
Warum wir nach einer Vorlesung so vieles sofort wieder vergessen
Für viele Studierende ist genau das der frustrierendste Moment. Sie verlassen den Hörsaal und denken: „Ich weiß kaum noch, worum es eigentlich ging.” Schnell entsteht der Gedanke: „Ich habe wohl einfach nicht richtig aufgepasst.” Doch meistens stimmt das gar nicht. Unser Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Videokamera, die alles automatisch aufzeichnet. Neue Informationen müssen zunächst verarbeitet werden, bevor sie im Langzeitgedächtnis gespeichert werden können.
Wenn jedoch fast die gesamte Aufmerksamkeit dafür aufgewendet wird, überhaupt konzentriert zu bleiben oder ständig den Anschluss nicht zu verlieren, bleibt deutlich weniger Kapazität für die eigentliche Verarbeitung. Deshalb ist es völlig nachvollziehbar, dass viele Inhalte schon wenige Minuten nach der Vorlesung wieder verschwunden sind. Das eigentliche Lernen beginnt deshalb oft erst nach der Vorlesung.
Wie Vorlesungen mit ADHS leichter werden können
Auch wenn Vorlesungen wahrscheinlich nie unsere bevorzugte Art zu lernen werden, gibt es einige Strategien, die sie deutlich angenehmer und effektiver machen können. Nicht jede davon wird zu jedem von uns passen, und das muss sie auch gar nicht. Es geht nicht darum, die perfekte Methode zu finden, sondern herauszufinden, wie unser Gehirn am besten lernt.
1. Unserem Gehirn eine Landkarte geben
Wenn die Vorlesungsfolien vorab online verfügbar sind, lohnt es sich, sie kurz durchzusehen. Und damit meine ich wirklich kurz. Oft reichen schon zehn Minuten. Wir schauen uns die Überschriften an, überfliegen die wichtigsten Grafiken und fragen uns: „Worum wird es heute ungefähr gehen?" Unser Gehirn verarbeitet neue Informationen leichter, wenn sie sich in eine vorhandene Struktur einordnen lassen. Hat unser Gehirn bereits eine grobe Orientierung, muss es während der Vorlesung deutlich weniger Energie dafür aufwenden, ständig herauszufinden, worum es gerade geht.
2. Nicht alles mitschreiben
Viele Studierende mit ADHS glauben, sie müssten möglichst jedes Wort festhalten. Das Gegenteil ist häufig sinnvoller. Statt jeden Satz zu notieren, ist es besser, sich auf:
wichtige Schlüsselbegriffe,
Beispiele,
Fragen,
Zusammenhänge,
kleine Skizzen oder Mindmaps.
zu konzentrieren. Unsere Notizen müssen nicht vollständig sein. Sie sollen uns helfen, den Stoff später wieder zu verstehen. Plötzlich geht es nicht mehr darum, jedes Wort mitzuschreiben, sondern unser zukünftiges Ich beim Lernen zu unterstützen.
3. Aufnahmen nutzen, wenn sie erlaubt sind
Viele Hochschulen erlauben mittlerweile Audioaufnahmen von Vorlesungen, andere verbieten sie ausdrücklich. Wir sollten uns deshalb vorher über die Regelungen unserer Hochschule informieren. Falls Aufnahmen erlaubt sind, können sie enorm entlasten. Nicht unbedingt, weil wir sie später komplett anhören, sondern weil unser Gehirn weiß: „Falls ich etwas verpasse, kann ich jederzeit zurückgehen." Allein dieses Gefühl nimmt vielen Studierenden einen großen Teil des inneren Drucks.
4. Unser Sitzplatz ist ein wichtiges Puzzleteil
Der Sitzplatz kann einen größeren Einfluss auf unsere Konzentration haben, als viele annehmen. Ich empfehle Studierenden mit ADHS häufig, möglichst weit vorne zu sitzen. Dort gibt es meist deutlich weniger Ablenkungen. Andere fühlen sich dagegen am Rand wohler, weil sie zwischendurch kurz aufstehen oder den Raum verlassen können, wenn ihre Konzentration völlig zusammenbricht. Beides ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist, einen Platz zu finden, der uns hilft, bei der Sache zu bleiben.
5. Bewegung ist kein Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit
Viele Menschen mit ADHS konzentrieren sich besser, wenn sie sich ein wenig bewegen. Das widerspricht zwar dem klassischen Bild von aufmerksamem Lernen, wird aber durch zahlreiche Studien unterstützt. Vielleicht hilft uns ein kleiner Fidget. Vielleicht wechseln wir häufiger unsere Sitzposition oder strecken zwischendurch kurz die Beine aus. Nicht jede Bewegung bedeutet Ablenkung. Für viele Menschen mit ADHS ist Bewegung ein wichtiger Teil der Konzentration.
Das eigentliche Lernen beginnt oft erst nach der Vorlesung
Hier machen viele Studierende einen entscheidenden Denkfehler. Sie glauben, nach der Vorlesung bereits alles verstanden haben zu müssen. Dabei vermittelt eine Vorlesung meist nur einen Überblick und erste Zusammenhänge. Das eigentliche Lernen beginnt oft erst danach. Deshalb lohnt es sich, die Notizen möglichst innerhalb der nächsten 24 Stunden noch einmal anzusehen. Schon fünfzehn bis zwanzig Minuten können einen großen Unterschied machen. Wir können fehlende Informationen ergänzen, schwierige Inhalte in unseren eigenen Worten formulieren oder sie uns laut vorsagen, so, als würden wir sie einer Freundin oder einem Freund erklären. Gerade dieses aktive Verarbeiten hilft dem Gehirn deutlich mehr als das mehrfache Durchlesen derselben Notizen.
Unseren eigenen Weg finden
Ich glaube, das ist die wichtigste Botschaft dieses Artikels. Viele Studierende mit ADHS verbringen unglaublich viel Energie damit, genauso lernen zu wollen wie ihre Kommilitonen. Sie versuchen, neunzig Minuten still zuzuhören, perfekte Mitschriften anzufertigen oder dieselben Lernmethoden zu nutzen. Und wenn das nicht funktioniert, ziehen viele einen schmerzhaften Schluss: „Mit mir stimmt etwas nicht." Dabei stimmt häufig etwas ganz anderes nicht. Nicht jede Lernumgebung passt zu jedem Gehirn. Vielleicht lernen wir besser, wenn wir ein Kapitel selbst lesen, Lernvideos anschauen, mit anderen diskutieren oder uns regelmäßig bewegen. Nichts davon ist Schummeln. Es bedeutet lediglich, dass wir einen Lernweg gefunden haben, der zu unserem Gehirn passt. Denn genau darum geht Lernen letztlich: nicht die Methoden anderer zu kopieren, sondern herauszufinden, wie unser Gehirn am besten lernt und uns die Erlaubnis zu geben, genau diesen Weg zu gehen.
Häufig gestellte Fragen
Warum sind Vorlesungen für Menschen mit ADHS so anstrengend?
Vorlesungen verlangen gleichzeitig anhaltende Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Informationsverarbeitung und Mitschreiben. Genau diese exekutiven Funktionen fallen vielen Menschen mit ADHS besonders schwer.
Sollte ich versuchen, jedes Wort mitzuschreiben?
Nein. Viel hilfreicher ist es, Schlüsselbegriffe, Beispiele, Fragen und Zusammenhänge festzuhalten. Gute Notizen sollen dir helfen, den Stoff später wieder zu erschließen; sie müssen kein vollständiges Protokoll sein.
Darf ich Vorlesungen aufnehmen?
Das hängt von deiner Hochschule und den jeweiligen Lehrenden ab. Manche Universitäten erlauben Audioaufnahmen, andere verbieten sie. Informiere dich deshalb unbedingt vorher.
Wie kann ich mir Vorlesungen besser merken?
Am wirkungsvollsten ist eine kurze Nachbereitung innerhalb von 24 Stunden. Ergänze deine Notizen, erkläre dir die Inhalte in eigenen Worten oder beantworte Fragen zum Stoff. Aktives Wiederholen ist deutlich effektiver als passives Durchlesen.
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Wenn du das Gefühl hast, regelmäßig an deine Grenzen mit deinen ADHS Symptomen zu stoßen, begleite ich dich gerne dabei. Gemeinsam entwickeln wir Strategien und Methoden, die den Umgang mit deinem Kind erleichtern. In einem 30-minütigen Kennenlerngespräch finden wir gemeinsam heraus, ob mein Angebot zu dir passt.
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