Warum Unterforderung bei ADHS so erschöpfend sein kann

Viele von uns kennen das Gefühl, nach einem Arbeitstag völlig ausgelaugt zu sein, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert ist. Oft war unser Tag nicht besonders stressig. Wir hatten keine dringenden Deadlines, keine schwierigen Gespräche und keine endlosen Meetings. Und trotzdem fühlen wir uns so, als hätte unser Gehirn einen Marathon hinter sich.

Für viele Erwachsene mit ADHS liegt die Ursache nicht in zu viel Stress, sondern in zu wenig geistiger Anregung. Unterforderung kann für das ADHS-Gehirn genauso belastend sein wie Überforderung – und uns manchmal sogar noch mehr stressen.

„Eigentlich habe ich doch einen guten Job …“

Es ist Montagmorgen. Wir sitzen an unserem Schreibtisch. Unsere Kollegen sind freundlich, unsere Vorgesetzte ist mit unserer Arbeit zufrieden, und unser Kalender sieht erstaunlich entspannt aus. Eigentlich gibt es keinen Grund, sich über den Tag zu beklagen.

Trotzdem starren wir auf den Bildschirm und können uns kaum dazu aufraffen, anzufangen. Wir beantworten ein paar E-Mails. Wir holen uns einen Kaffee. Wir schauen kurz auf unser Handy. Dann öffnen wir noch schnell eine Nachricht. Und plötzlich ist eine halbe Stunde vergangen. Dabei wissen wir genau, was wir eigentlich tun sollten. Die Aufgabe ist nicht besonders schwer, aber leider unglaublich langweilig. Wir fragen uns genervt: „Warum bekomme ich das nicht hin? Andere schaffen das doch auch. Bin ich einfach faul?“

Doch was, wenn das eigentliche Problem gar nicht Stress ist? Was, wenn unserem Gehirn schlichtweg die richtige Art von Herausforderung fehlt?

ADHS braucht die richtige Menge an Stimulation

Viele Menschen glauben noch immer, dass ADHS vor allem mit leichter Ablenkbarkeit zu tun hat. Das stimmt zwar, aber es beschreibt nur einen kleinen Teil des Problems. Die eigentliche Schwierigkeit liegt oft darin, Aufmerksamkeit und Motivation zu regulieren.

Unser Gehirn entscheidet nämlich nicht einfach danach, was wichtig ist. Es entscheidet vor allem danach, was interessant ist. Neurowissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass das dopaminerge Belohnungssystem bei ADHS anders arbeitet als bei neurotypischen Menschen. Dopamin spielt eine zentrale Rolle für Motivation, Interesse und die Bereitschaft, eine Aufgabe überhaupt zu beginnen.

Deshalb passiert bei vielen von uns mit ADHS etwas scheinbar Paradoxes: Wir können uns stundenlang auf ein spannendes Projekt konzentrieren, brauchen aber plötzlich eine halbe Stunde, um eine zehnminütige Routineaufgabe zu beginnen. Von außen wirkt das widersprüchlich. Von innen fühlt es sich unglaublich frustrierend an. Denn die Schwierigkeit liegt nicht darin, dass wir nicht arbeiten möchten, sondern darin, dass das Gehirn einfach nicht genügend Stimulation erhält, um in Gang zu kommen.

Warum sich Langeweile so unangenehm anfühlt

Die meisten Menschen mögen langweilige Aufgaben nicht besonders. Für viele Erwachsene mit ADHS fühlt sich Langeweile jedoch deutlich intensiver an. Sie ist nicht einfach nur unangenehm, sondern kann regelrecht schmerzhaft sein.

Viele meiner Klienten beschreiben eine innere Unruhe, die sich kaum in Worte fassen lässt. Sie möchten arbeiten. Sie wissen, was zu tun ist. Und trotzdem scheint sich ihr ganzes Nervensystem dagegen zu wehren. Fast automatisch beginnen sie dann nach etwas zu suchen, das interessanter ist:

  • Sie schauen alle paar Minuten aufs Handy.

  • Sie springen zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her.

  • Sie öffnen immer neue Browser-Tabs.

  • Sie gehen noch einmal Kaffee holen.

  • Sie unterhalten sich mit ihren Kollegen.

  • Oder sie schieben eine Aufgabe vor sich her, die eigentlich in zehn Minuten erledigt wäre.

Von außen sieht das oft nach Prokrastination oder mangelnder Disziplin aus. In Wirklichkeit versucht unser Gehirn jedoch, ein Problem zu lösen. Es sucht verzweifelt nach einer Quelle von Dopamin, weil unser Nervensystem nach mehr Stimulation verlangt.

Langeweile ist für viele Menschen mit ADHS mehr als nur ein kleines Ärgernis

In meinen Workshops sage ich manchmal scherzhaft: „Langeweile ist der Fluch von ADHS.“ Die Teilnehmenden lächeln oft über diesen Satz. Aber eigentlich meine ich ihn ganz ernst. Ich sehe dieses Muster fast täglich und zwar nicht nur bei meinen Klienten, sondern auch bei meinem eigenen Sohn. Er ist acht Jahre alt und hat ADHS. In Momenten der Langweile, die sehr häufig vorkommen, scheint es fast so, als würde jemand einen Schalter bei meinem Sohn umlegen. Er kann sich nicht mehr konzentrieren, versteht die einfachsten Aufgaben nicht und kann nur mit großer Mühe überhaupt beginnen.

Früher dachte ich manchmal, er müsse sich einfach etwas mehr anstrengen. Heute weiß ich, dass das nicht der Kern des Problems ist. Sein Gehirn bekommt in diesen Momenten einfach nicht die Stimulation, die es braucht, um aktiv zu werden. Und genau dasselbe Muster erkenne ich auch bei meiner Arbeit mit Erwachsenen mit ADHS. Viele erzählen mir, dass sie jahrelang glaubten, sie seien faul, unmotiviert oder einfach im falschen Beruf. Dabei lag das eigentliche Problem oft ganz woanders. Sie konnten durchaus hart arbeiten. Aber ihre Arbeit forderte ihr Gehirn schlichtweg nicht genug heraus.

Bedeutet Langeweile automatisch, dass wir den falschen Beruf gewählt haben?

Nein. Und genau das möchte ich unbedingt betonen. Viele Menschen mit ADHS wechseln ihren Beruf vorschnell, weil sie glauben, endlich den „richtigen Job" finden zu müssen. Doch oft liegt das Problem gar nicht im Beruf selbst, sondern im Arbeitsumfeld.

Nehmen wir zum Beispiel eine Lehrerin. Vielleicht liebt sie den Kontakt mit ihren Schülern und geht jeden Morgen gerne in die Schule. Doch wenn jede Unterrichtsstunde nach demselben Schema abläuft, kaum Raum für Kreativität bleibt und ständig dieselben administrativen Aufgaben erledigt werden müssen, kann genau diese Routine unglaublich belastend werden.

Oder ein Softwareentwickler. Programmieren macht ihm großen Spaß. Neue Probleme zu lösen begeistert ihn. Doch irgendwann besteht seine Arbeit fast nur noch darin, bestehenden Code zu pflegen. Die Herausforderung verschwindet. Und plötzlich fühlt sich jeder Arbeitstag zäh an.

Das Gleiche gilt für viele andere Berufe. Die eigentliche Frage lautet deshalb oft nicht: „Habe ich den falschen Beruf gewählt?“ Sondern vielmehr: „Fehlt meinem Gehirn die richtige Art von Herausforderung?“

Manchmal reichen schon kleine Veränderungen

Die gute Nachricht ist: Oft reichen schon kleine Veränderungen, um wieder mehr Motivation zu spüren. Vielleicht haben wir die Möglichkeit abwechslungsreichere Projekte zu bearbeiten, eine neue Software zu erlernen oder die Verantwortung für einen neuen Aufgabenbereich zu übernehmen. Vielleicht arbeiten wir zeitweise an einem anderen Ort oder suchen uns bewusst Herausforderungen außerhalb der eigentlichen Arbeit, z.B. durch Fortbildungen, ein Ehrenamt oder ein kreatives Projekt.

Unser Gehirn braucht nicht ständig Action, aber es braucht das Gefühl, sich weiterentwickeln zu können. Etwas zu lernen. Neugierig bleiben zu dürfen. Und genau das geht im hektischen Arbeitsalltag manchmal verloren. Folgende Fragen könnten daher hilfreich sein:

  • Lerne ich regelmäßig etwas Neues?

  • Darf ich Probleme lösen?

  • Habe ich genug Abwechslung?

  • Kann ich kreativ sein?

  • Verstehe ich, warum meine Arbeit wichtig ist?

  • Nutze ich meine Stärken?

Schon kleine Veränderungen können einen großen Unterschied machen. Und manchmal verändert nicht ein neuer Beruf unser Leben, sondern ein neuer Blick auf den bestehenden.

Neugier statt Selbstkritik

Wenn wir Schwierigkeiten haben, uns bei der Arbeit zu motivieren, liegt die naheliegende Erklärung oft schnell bereit. „Ich bin einfach faul.“ „Ich bekomme nichts auf die Reihe.“ „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Doch vielleicht lohnt sich eine andere Frage. Nicht: „Warum bin ich so unmotiviert?" sondern: „Bin ich gerade über- oder unterfordert?" Allein diese Frage kann den Blick auf die eigene Situation verändern.

Denn viele von uns mit ADHS kämpfen nicht gegen mangelnde Motivation. Wir kämpfen gegen ein Gehirn, das nach Neugier, Herausforderung und Sinn sucht. Und wenn wir das verstehen, können wir damit aufhören, uns ständig zu kritisieren und zu beschuldigen. Stattdessen können wir beginnen, unser Arbeitsleben so zu gestalten, dass es besser zu unserem Gehirn passt. Nicht perfekt, aber hoffentlich so, dass wir die so lähmende Langeweile gut in den Griff bekommen und die nötige Stimulation in unseren Alltag integrieren, die uns zufriedener und letztendlich auch viel produktiver werden lässt!

Häufige Fragen zu Unterforderung bei ADHS

Warum macht Langeweile Menschen mit ADHS so müde?

Viele Erwachsene mit ADHS benötigen ein gewisses Maß an geistiger Anregung, um motiviert und aufmerksam zu bleiben. Fehlt diese Stimulation, muss das Gehirn deutlich mehr Energie aufbringen, um konzentriert zu bleiben. Das kann genauso erschöpfend sein wie ein stressiger Arbeitstag.

Ist Unterforderung bei ADHS normal?

Ja. Viele Menschen mit ADHS reagieren besonders empfindlich auf monotone oder wenig abwechslungsreiche Aufgaben. Das bedeutet nicht, dass sie faul oder unmotiviert sind, sondern dass ihr Gehirn mehr Herausforderung und Abwechslung benötigt.

Bedeutet ständige Langeweile im Beruf, dass ich kündigen sollte?

Nicht unbedingt. Häufig liegt das Problem nicht im Beruf selbst, sondern im Arbeitsumfeld oder den Aufgaben. Schon kleine Veränderungen – etwa abwechslungsreichere Projekte oder mehr Eigenverantwortung – können einen großen Unterschied machen.

Warum fällt es mir mit ADHS so schwer, einfache Aufgaben zu beginnen?

Routineaufgaben bieten oft zu wenig Stimulation für das ADHS-Gehirn. Dadurch fällt es schwer, Motivation aufzubauen, obwohl die Aufgabe objektiv leicht ist.

Welche Berufe passen gut zu Menschen mit ADHS?

Es gibt keinen perfekten ADHS-Beruf. Viele Menschen mit ADHS fühlen sich jedoch in Tätigkeiten wohl, die Kreativität, Abwechslung, Problemlösen, Lernen und Eigenverantwortung ermöglichen.

Vielleicht hast du dich in diesem Artikel wiedererkannt?

Wenn du das Gefühl hast, regelmäßig von Erschöpfung und Unterforderung auf deiner Arbeit geplagt zu, aber keinen richtigen Ausweg zu wissen, begleite ich dich gerne dabei. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, die zu mehr Zufriedenheit in deinem Job führen. In einem 30-minütigen Kennenlerngespräch finden wir gemeinsam heraus, ob mein Angebot zu dir passt.

Für Jugendlich ab 15 Jahren und Erwachsene

Möchtest du mehr über ADHS erfahren?

Alle zwei Wochen veröffentliche ich einen neuen Artikel mit wissenschaftlich fundierten und alltagstauglichen Strategien rund um ADHS. Hier kannst du meinen Newsletter kostenlos abonnieren.

Das könnte dich auch interessieren

Prokrastination und ADHD: 13 erprobte Tipps aus meinem Coaching: Falls du häufiger Aufgaben aufschiebst, könnte dich auch mein Artikel über Prokrastination und ADHS interessieren. Dort erfährst du, warum Aufschieben meist nichts mit Faulheit zu tun hat, und welche Strategien wirklich helfen.

ADHD und akademisches Burnout: Wenn plötzlich nichts mehr geht: Wenn du dich fragst, ob hinter deiner Erschöpfung eher Unterforderung oder ein Burnout steckt, findest du in meinem Artikel über ADHS und Burnout weitere Informationen.

Entspannung bei ADHS: Interessanterweise fällt vielen Menschen mit ADHS nicht nur konzentriertes Arbeiten schwer, sondern auch das Abschalten nach Feierabend. Warum das so ist, erkläre ich in meinem Artikel „Warum Entspannung bei ADHS oft so schwerfällt“.

Weiter
Weiter

Warum sich Menschen mit ADHS so schwer entspannen können