Warum fällt es meinem Kind mit ADHS so schwer anzufangen?

Lange Zeit war ich überzeugt, mein Sohn bräuchte einfach etwas mehr Motivation. Heute weiß ich, dass ich mich kaum stärker hätte irren können. Trotzdem ertappe ich mich auch heute noch manchmal dabei, wie ich sage: „Komm jetzt, wir müssen in zehn Minuten los!“, während mein achtjähriger Sohn scheinbar endlos vor sich hin trödelt. Dabei geht es oft um Dinge, auf die er sich schon lange freut. Mal fahren wir zum Reiten, mal ins Schwimmbad. Manchmal geht es sogar in einen Freizeitpark, von dem er die ganze Woche begeistert gesprochen hat.

Und dennoch sitzt er noch immer auf dem Boden. Einen Schuh hat er bereits an. Der zweite ist wie vom Erdboden verschluckt. Seine Trinkflasche ist noch nicht eingepackt. Und plötzlich fällt ihm ein, dass er mir unbedingt noch seine neueste Lego-Konstruktion zeigen muss. Und dann erklärt er mir lautstark, warum er eigentlich überhaupt keine Lust hat, das Haus zu verlassen.

Fünf Minuten vergehen, und wir sind kaum einen Schritt vorangekommen. Und ich frage mich zum tausendsten Mal, wenn er sich doch so auf den Ausflug gefreut hatte, warum ist es dann so schwer für ihn, sich fertig zu machen?

Dieselbe Situation erleben wir regelmäßig bei den Hausaufgaben. Er weiß genau, was zu tun ist. Wir haben genügend Zeit. Es gibt keinen Druck von außen. Und trotzdem passiert nichts. Bis plötzlich, oft eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen, wie auf Knopfdruck alles funktioniert und mein Sohn in kürzester Zeit konzentriert, schnell und erstaunlich effizient seine Arbeit erledigt.

All diese Situationen haben mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie haben nur oberflächlich mit Hausaufgaben, Schwimmbad oder Schuheanziehen zu tun, denn im Kern geht es um etwas ganz anderes: Es geht darum, mit einer Aufgabe anzufangen. Und genau das gehört zu den am häufigsten missverstandenen Schwierigkeiten bei ADHS.

„Aber er wollte doch unbedingt!“

Eine der größten Fehlannahmen über ADHS ist die Vorstellung, dass Motivation automatisch zu Handlung führt. Wir sind zunächst davon überzeugt, dass ein Kind doch problemlos loslegen wird, wenn es etwas wirklich möchte. Das erscheint uns vollkommen logisch!

Mein Sohn hat mich jedoch eines Besseren belehrt. Ich habe unzählige Male erlebt, wie er den ganzen Morgen begeistert von seiner Reitstunde erzählt hat. Welches Pferd er heute wohl bekommt. Wie viele Äpfel und Möhren er für sein Lieblingspferd einpacken möchte. Wie sehr er sich darauf freut.

Und dann kommt der Moment des Aufbruchs und plötzlich scheint schon das Aufstehen vom Sofa unüberwindbar. Nicht, weil er seine Meinung geändert hätte, ihm das Reiten plötzlich egal wäre oder weil er absichtlich schwierig sein möchte, sondern weil etwas wollen und ins Handeln kommen zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Ich glaube, genau das gehört zu den schwierigsten Erkenntnissen für uns Eltern. Kinder mit ADHS scheitern häufig nicht an ihrer Motivation. Sie scheitern daran, diese Motivation in Handlung umzusetzen. Und dieser kleine Unterschied verändert den Blick auf unser Kind grundlegend.

Das ADHS-Gehirn orientiert sich nicht an Wichtigkeit

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich sowohl als Therapeutin als auch als Mutter gewonnen habe, lautet: Das ADHS-Gehirn organisiert sich nicht danach, was wichtig ist. Es organisiert sich danach, was interessant, neu, emotional bedeutsam oder dringend erscheint.

Genau deshalb erleben Eltern ADHS oft als so widersprüchlich. Ihr Kind kann stundenlang eine riesige Lego-Stadt bauen. Es kennt alle Dinosaurier beim Namen. Es weiß alles über Minecraft, Astronomie oder Züge. Und gleichzeitig scheint es fast unmöglich zu sein, zehn Minuten Vokabeln zu lernen.

Von außen sieht das nach einem Motivationsproblem aus. In Wirklichkeit funktioniert Motivation bei ADHS einfach anders. Neurowissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass das Belohnungssystem bei ADHS anders arbeitet. Der Botenstoff Dopamin spielt dabei eine zentrale Rolle. Er beeinflusst Motivation, Vorfreude und die Bereitschaft, überhaupt mit einer Aufgabe zu beginnen.

Viele alltägliche Aufgaben erzeugen jedoch schlicht nicht genügend Stimulation, um das Gehirn in Gang zu bringen. Das bedeutet nicht, dass unsere Kinder faul sind oder sich nicht anstrengen möchten. Es bedeutet lediglich, dass ihr Gehirn häufig mehr Unterstützung braucht, um anzufangen, als um dranzubleiben. Und genau das macht für viele Familien den Alltag so herausfordernd.

Warum Zeitdruck plötzlich alles verändern kann

Dasselbe Muster begegnet mir immer wieder bei vielen Familien, die ich begleite: Die Hausaufgaben liegen den ganzen Nachmittag unberührt auf dem Küchentisch. Das Referat ist nur halb fertig, obwohl dafür bereits zwei Wochen Zeit war. Der Schulranzen müsste eigentlich längst gepackt sein. Und trotzdem passiert nichts. Bis plötzlich der Abend da ist. Und wie aus dem Nichts wird aus einem Kind, das den ganzen Nachmittag nicht anfangen konnte, plötzlich ein hochkonzentrierter kleiner Arbeiter.

Viele Eltern fragen sich dann verständlicherweise: „Wenn es jetzt geht, warum ging es dann nicht schon früher?“ Diese Frage habe ich mir selbst unzählige Male gestellt. Heute weiß ich, dass sich nicht plötzlich die Einstellung meines Sohnes verändert. Auch seine Motivation ist nicht über Nacht größer geworden.

Was sich verändert hat, ist die Aktivierung seines Gehirns. Je näher die Deadline rückt, desto mehr Dringlichkeit entsteht. Und genau diese Dringlichkeit liefert vielen Kindern mit ADHS die Stimulation, die ihrem Gehirn zuvor gefehlt hat. Das ist einerseits faszinierend, andererseits aber auch unglaublich anstrengend. Denn dauerhaft unter Zeitdruck zu leben, kostet Kinder ebenso viel Kraft wie ihre Eltern. Wenn wir jedoch verstehen, warum das passiert, hören wir auf, diese Situationen als mangelnden Willen oder schlechte Erziehung zu interpretieren.

„Wir haben schon alles ausprobiert – auch Belohnungen.“

Fast jede Familie, die zu mir kommt, erzählt mir irgendwann von einem Belohnungssystem. „Wenn du deine Hausaufgaben machst, darfst du später an die Playstation.“ Oder: „Wenn du dich schnell anziehst, gibt es nachher ein Eis.“ Manchmal funktioniert das tatsächlich. Für ein paar Tage. Vielleicht sogar für ein oder zwei Wochen. Und dann verliert das Belohnungssystem plötzlich seine Wirkung.

Viele Eltern glauben dann, sie hätten einfach die falsche Belohnung gewählt. In Wirklichkeit ist das Problem häufig ein anderes. Kinder mit ADHS möchten die Belohnung meistens durchaus haben. Nur liegt sie für ihr Gehirn oft zu weit in der Zukunft. Wenn sich das Anziehen jetzt gerade unüberwindbar anfühlt, dann reicht die Aussicht auf ein Eis in einer Stunde oft nicht aus, um den ersten Schritt zu erleichtern. Deshalb wirken unmittelbare Erfolgserlebnisse häufig besser als große Belohnungen am Ende. Denn nicht der Preis motiviert das Gehirn, sondern das Gefühl: „Ich habe den ersten Schritt geschafft.“

Ich habe gelernt, diese Situationen anders zu betrachten

Früher dachte ich, meine wichtigste Aufgabe als Mutter sei es, meinen Sohn zu motivieren. Heute sehe ich das anders. Ich glaube nicht mehr, dass mein Sohn mehr Motivation braucht. Er braucht Unterstützung dabei, ins Tun zu kommen.

Dieser kleine Perspektivwechsel hat unglaublich viel verändert. Anstatt zu sagen: „Zieh dich jetzt endlich an!“ frage ich mich heute eher: „Was macht den ersten Schritt gerade so schwer?“

  • Manchmal reicht es schon, wenn ich mich kurz neben ihn setze.

  • Manchmal helfe ich ihm dabei, den zweiten Schuh zu finden.

  • Manchmal machen wir ein kleines Wettrennen daraus.

  • Manchmal lachen wir einfach gemeinsam.

  • Und manchmal braucht er nur jemanden, der den Anfang mit ihm macht.

Interessanterweise läuft vieles danach fast von allein. Das Gleiche beobachte ich bei den Hausaufgaben. Nicht das Arbeiten ist meistens das größte Problem, sondern der Moment, in dem man beginnen muss.

Der erste Schritt ist oft der schwerste

Ich glaube, wir Erwachsenen unterschätzen häufig, wie groß dieser erste Schritt für ein Kind mit ADHS sein kann. Für uns bedeutet der Satz: „Mach bitte deine Hausaufgaben.“ eine einzige Aufgabe. Für ein Kind mit ADHS besteht dieser Satz jedoch aus vielen kleinen Schritten:

  • Den Schulranzen holen.

  • Das Hausaufgabenheft aufschlagen.

  • Nachschauen, was überhaupt zu tun ist.

  • Das Mathebuch finden.

  • Einen Stift suchen.

  • Sich entscheiden, womit man anfängt.

  • Alle anderen spannenden Dinge für einen Moment ausblenden.

  • Konzentriert bleiben.

Kein Wunder also, dass manche Kinder sich schon überfordert fühlen, bevor sie überhaupt die erste Zeile geschrieben haben. Deshalb hilft es vielen Kindern enorm, wenn wir große Aufgaben in möglichst kleine erste Schritte zerlegen, weil kleine Anfänge für ihr Gehirn leichter zugänglich sind.

Unterstützung bedeutet nicht Verwöhnen

Manche Eltern haben Sorge, ihr Kind könne unselbstständig werden, wenn sie zu viel helfen. Jedoch geht es nicht darum, unserem Kind jede Schwierigkeit abzunehmen. Es geht darum, die Hürde zu verkleinern, die zwischen ihm und dem ersten Schritt steht. Ist diese Hürde einmal überwunden, brauchen viele Kinder überraschend wenig Hilfe. Das eigentliche Problem ist oft gar nicht die Aufgabe selbst, sondern der Moment davor.

Was ich durch meinen Sohn gelernt habe

Wenn ich eines durch meinen Sohn gelernt habe, dann dies: Die entscheidende Frage lautet nicht: „Warum macht er es nicht?“ sondern: „Was macht es ihm gerade so schwer, anzufangen?“ Diese beiden Fragen führen zu völlig unterschiedlichen Antworten. Die erste unterstellt mangelnden Willen. Die zweite versucht, eine Schwierigkeit zu verstehen.

Natürlich gelingt mir dieser Perspektivwechsel nicht jeden Tag. Auch ich sage manchmal noch: „Jetzt komm endlich, wir müssen los!“ Aber ich merke heute viel schneller, was eigentlich passiert. Ich sehe kein Kind, das nicht möchte. Ich sehe ein Kind, dessen Gehirn gerade Schwierigkeiten hat, in Gang zu kommen. Und allein dieses Verständnis verändert vieles.

Ich glaube, das Wertvollste, was wir unseren Kindern schenken können, ist nicht das perfekte Belohnungssystem oder die hundertste Erinnerung. Es ist das Gefühl, verstanden zu werden. Kinder, die immer wieder hören, sie seien faul, unmotiviert oder unorganisiert, beginnen irgendwann, genau das über sich selbst zu glauben. Kinder hingegen, die erleben:

  • „Ich weiß, dass dir das gerade schwerfällt.“

  • „Wir finden gemeinsam einen Weg.“

  • „Wir schauen, was deinem Gehirn hilft.“

entwickeln etwas, das weit über gute Hausaufgaben oder pünktliches Losgehen hinausgeht. Sie entwickeln Vertrauen in sich selbst. Und als Mutter und Therapeutin kann ich mir kaum etwas Wichtigeres vorstellen, was ich unseren Kindern fürs Leben mitgeben möchte.

Häufige gestellte Fragen zum Thema Anfangsschwierigkeiten bei ADHS

Warum beginnt mein Kind mit ADHS erst in letzter Minute mit den Hausaufgaben?

Viele Kinder mit ADHS haben Schwierigkeiten mit der sogenannten Handlungsaktivierung (task initiation) – also damit, überhaupt mit einer Aufgabe zu beginnen. Je näher eine Deadline rückt, desto mehr Reize erhält das Gehirn. Dadurch fällt es oft leichter, endlich anzufangen. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern mit der besonderen Funktionsweise eines ADHS-Gehirns.

Warum braucht mein Kind ewig, um sich fertigzumachen, selbst für Dinge, auf die es sich freut?

Das überrascht viele Eltern. Kinder mit ADHS können sich ehrlich auf das Fußballtraining, einen Geburtstag oder ein Treffen mit Freunden freuen und trotzdem nicht in der Lage sein, sich anzuziehen oder das Haus zu verlassen. Das Problem ist nicht fehlende Motivation. Vielmehr fällt es dem Gehirn schwer, die Abfolge kleiner Schritte in Gang zu setzen, die notwendig sind, um überhaupt loslegen zu können.

Warum motivieren Belohnungen Kinder mit ADHS nicht immer?

Belohnungen können hilfreich sein, wirken aber bei Kindern mit ADHS oft weniger stark, wenn sie erst Stunden später erfolgen. Viele Kinder reagieren deutlich besser auf unmittelbare Erfolgserlebnisse oder positives Feedback direkt während einer Aufgabe. Wenn das Gehirn Schwierigkeiten hat, überhaupt zu starten, fühlt sich eine spätere Belohnung häufig einfach nicht motivierend genug an. machen.

Wie können wir unseren Kindern helfen, anzufangen, ohne sie ständig erinnern zu müssen?

Es bringt oft wenig, unser Kind immer wieder an dieselbe Aufgabe zu erinnern. Häufig ist es hilfreicher, den ersten Schritt so klein wie möglich zu machen. Wir können uns für eine Minute dazusetzen, die Aufgabe gemeinsam in kleine Abschnitte aufteilen, spielerisch beginnen oder unser Kind einfach beim Einstieg unterstützen. Oft reicht genau dieser erste Impuls aus, damit das Gehirn in Gang kommt.

Vielleicht hast du dich in diesem Artikel wiedererkannt?

Wenn du das Gefühl hast, regelmäßig an deine Grenzen als Elternteil eines ADHS-Kindes zu stoßen, begleite ich dich gerne dabei. Gemeinsam entwickeln wir Strategien und Methoden, die den Umgang mit deinem Kind erleichtern. In einem 30-minütigen Kennenlerngespräch finden wir gemeinsam heraus, ob mein Angebot zu dir passt.

Für Jugendlich ab 15 Jahren und Erwachsene

Möchtest du mehr über ADHS erfahren?

Alle zwei Wochen veröffentliche ich einen neuen Artikel mit wissenschaftlich fundierten und alltagstauglichen Strategien rund um ADHS. Hier kannst du meinen Newsletter kostenlos abonnieren.

Das könnte dich auch interessieren

Selbstregulation statt Eskalation: Wie wir mehr Gelassenheit in unseren Familienalltag integrieren können: Manchmal beginnt die größte Veränderung nicht damit, dass wir unser Kind verändern, sondern dass wir lernen, uns selbst zu regulieren.

Schulverweigerung bei neurodivergenten Kindern: Mehr als „keine Lust“: Schulvermeidung hat nur selten etwas mit fehlendem Willen zu tun. Meistens spielt das Nervensystem unseres Kindes eine entscheidende Rolle, so dass es Verständnis, Mitgefühl und wirksamer Unterstützung bedarf, um den Weg zurück in die Schule zu ebnen.

ADHS-Kinder und Medienkonsum: Ein Balanceakt: Warum fällt es Kindern mit ADHS so schwer, Bildschirmmedien auszuschalten? In diesem Artikel geht es darum, warum ADHS-Gehirne besonders nach Stimulation suchen und wie wir unseren Kindern dabei helfen können, ohne ständige Machtkämpfe gesunde Mediengewohnheiten zu entwickeln.

Weiter
Weiter

Warum Unterforderung bei ADHS so erschöpfend sein kann